Wie Vereinbarkeit funktionieren kann

Das mit der Vereinbarkeit ist auch 2016 leider immer noch so eine Sache: Für die meisten von uns, ist es ein sehr privates „Vergnügen“ Familie, Erwerbstätigkeit und ggf. noch ein weiteres Sozialleben so miteinander zu vereinbaren, dass sie sich gut damit fühlen. Wenn es dann aber leider doch nicht klappt, steht man ziemlich allein da. So ging es neulich einer anderen Familienbloggerin, die (bisher erfolglos) auf Jobsuche ist und sich fragt, was getan werden muss, damit Vereinbarkeit funktioniert. Natürlich haben wir kein Patentrezept, aber so ein paar Ideen hätte ich da schon…

Liebe Glucke,

dir ist kürzlich die Hutschnur geplatzt: Dieser Facebook-Post und die Absage für eine Stelle, für die du völlig überqualifiziert bist, mit einer fadenscheinigen Begründung ließen dich sagen: „Gar nichts läuft. Egal welches Familienmodell. Egal ob Familie und Freunde in der Nähe. Egal ob alleinerziehend (obwohl das nochmals zusätzlich hart ist) oder nicht.“

Du beendest den Artikel mit der Frage, was wir tun können. Wir alle – und insbesondere die Community der Elternblogger.

Ich habe via Twitter geantwortet, dass ich dir ausführlich antworte, wenn ich meine Gedanken sortiert habe. Das habe ich nun: Die letzten Tage habe ich – vor allem in der Bahn – über deine Worte nachgedacht. Man merkt deinem Artikel an, dass er mit wahnsinnig viel Leidenschaft und echter Wut plus Hilflosigkeit ob der verfahrenden Situation geschrieben ist.

Ich bin die „High Tech-Marionette“

Als erstes musste ich mich schütteln, mir sagen, dass wir uns nicht kennen und du nicht per se unseren Lebensentwurf in Frage gestellt hast. Und falls doch, dass ich mich nicht angegriffen fühlen möchte, da es weder mir noch dir noch dem Thema hilft. Denn ich bin so eine „High Tech-Marionette“ von denen du schreibst:

  • Ich bin die Mutter, die innerlich erst einmal laut „Scheiße“ schreit, wenn das Kind zum vierten mal in zwei Monaten krank ist.
  • Ich bin die Mutter, die hofft, dass es keine morgendlichen Dramen gibt, damit der Zeitplan hält.
  • Ich bin die Kollegin, die oft genug keine Zeit für ein Schwätzchen hat, damit ich rechtzeitig die Kinder abholen kann.
  • Ich bin die Kollegin, die einem im schlimmsten Fall eine Mail weiterleitet und bittet: „Das ist eilig, aber ich muss wirklich los – kannst Du bitte einspringen?“.
  • Ich bin die Arbeitnehmerin, die auf Anfragen für Termine außer der Reihe antwortet: Das muss ich erst mit meinem Mann klären.
  • Ich bin die Mutter, die morgens nicht lange mit den Erzieherinnen oder den anderen Müttern quatscht – außer mit denen, die mit mir im Stechschritt zur S-Bahn hetzen.
  • Ich bin dieMutter, die sich lautstark beim Kindergarten über zusätzliche Schließtage beschwert – übrigens ohne Erfolg.
  • Und ich bin die Mutter, die ohne die Großeltern aufgeschmissen wäre. Die permanent schaut wie sie ihr Netzwerk noch sicherer machen kann.
  • Ich bin die Ehefrau, die abends noch mal schnell die beruflichen Mails checkt und ggf. noch mal was abarbeitet.
  • Ich bin die Freundin, die viel zu selten anruft.
  • Ich bin die Frau, die (von ebendiesen Freundinnen) zu hören bekam: Ich habe schon immer gedacht, du solltest bloggen – aber wann willst du das denn noch machen? (Warum wir es dennoch tun, steht weiter unten.)

Und ja klar, du hast völlig Recht: Unsere (Arbeits-)Welt ist nicht wirklich auf Familien eingestellt und es ist oft genug ziemlich anstrengend (ein halbfertiger Blogartikel zum Thema wartet darauf, dass ich endlich mal weiter schreibe, aber da ist der Job, die Kids, der Mann, ein JGA der geplant werden will…).

Und trotzdem bin ich glücklich mit der Kombination aus anspruchsvollem, forderndem Job und Kindern.

Die Väter sind der Schlüssel zum Erfolg

Aber es geht ja gar nicht um mich als Einzelfall, Du hast gefragt, was wir tun können, damit sich was ändert. Ich habe bei Twitter Folgendes geantwortet:

Du antwortetest sinngemäß, dass viele Männer schon so viel geben, wie sie können. Da bin ich grundsätzlich anderer Meinung. Aber darum ging es mir in dem Moment gar nicht. Nein, ich dachte, dass die Väter Familie und Vereinbarkeit als Thema auch auf ihre Fahnen schreiben müssen! Es darf nicht nur das Thema von den „nervigen, unflexiblen Teilzeitmuttis“ sein, die man eh bei der erstbesten Gelegenheit durch ein(e) Jüngere(n) (noch) Kinderlose(n) ersetzen mag.

Vereinbarkeit muss das Thema ALLER Arbeitnehmer mit Kindern werden.

Dazu gehören meiner Meinung nach folgende Punkte:

Väter nutzt die verdammte Elternzeit – aber richtig!

Väter sollten wann immer möglich mehr als die zwei Monate Elternzeit nehmen. In dieser kurzen Zeit werden die Aufgaben bekanntermaßen nur auf die Kollegen umverteilt – an den Strukturen der Arbeitswelt ändert sich gar nichts. (Außerdem ist es gut für die Beziehung zwischen Vater und Kind und fördert das Verständnis zwischen den Eltern.)

Ich habe große Hoffnung in das Elterngeld Plus und darin, dass die Partnermonate, in denen beide je 25 Std/Woche arbeiten gehen müssen, dazu führen, dass auch Väter in Teilzeit ein durchaus übliches Erscheinungsbild werden.

Kranke Kinder gehen beide etwas an

Eigentlich sollte es überflüssig sein, diesen Punkt überhaupt zu erwähnen. Leider ist es nicht so. Also: Väter müssen meiner Meinung nach genauso selbstverständlich bei dem kranken Kind bleiben, wie Mütter. Auch wenn sie mehr Geld nach Hause bringen und dem vermeintlich „wichtigeren“ Beruf nachgehen. Denn wenn nur eine Person bei einem oder mehreren (Klein-) Kindern alle Krankentage übernimmt, ist das für (fast) jeden Arbeitgeber zu viel.

Und bitte, liebe Väter, verkauft diese Zeit nicht , wie unlängst im Bekanntenkreis geschehen, als Homeoffice. Denn alle Eltern wissen, dass man mit krankem Kleinkind viel tut – produktiv arbeiten gehört meiner Erfahrung aber nicht dazu. Denn ich bin mir ziemlich sicher, so was kommt häufig genug vor. Das trägt zum schlechten Ruf den das Homeoffice in Deutschland genießt bei und macht es denen, die wirklich davon profitieren würden unnötig schwer.

Väter müssen sich auf die Seite der Mütter schlagen.

Die Wahrnehmung von Vätern und Müttern in der Arbeitswelt ist immer noch so grundverschieden. So musste ich schon erleben, wie der Vater neben mir in der Kaffeeküche (ungewollt) großes Mitleid dafür kriegte, dass er nachts seinen wachen Sohn zwei Stunden durch die Wohnung getragen hat. Dass ich in der gleichen Nacht etwa ebenso lang versuchte, meiner Tochter das Konzept „Schlaf“ näher zu bringen, war keine Erwähnung wert. Mütter sind dafür quasi prädestiniert – oder wie habe ich das zu verstehen?

Philip Krohn brachte es neulich in der FAZ auf den Punkt, als er schrieb: „jedenfalls können sich Väter mit Babys und kleinen Kindern mehr leisten als Mütter.“ Ich finde es gut und wichtig, dass solche Aussagen von Männern kommen. Denn, wenn Frauen über die Unvereinbarkeit von Familie und bezahlter Erwerbstätigkeit reden, wird es der Vereinbarkeit ergehen wie dem Feminismus: ‚Das sind doch nur die frustrierten Alten, die keinen abgekriegt haben’, auf der einen Seite und auf der anderen: ‚Das sind doch nur die frustrierten Muttis, die immer jammern, wie anstrengend alles ist und andauernd im Büro ausfallen.’

Fazit: Was können wir tun?

Was wir adhoc tun können, weiß ich nicht. Ich unterschreibe gerne jede von dir initiierte Online-Petition oder stelle mich vors Kanzleramt oder was weiß ich. Aber nach den Erfahrungen des Hebammensterbens, trotz massiver öffentlicher Proteste, bin ich da eher skeptisch, dass es das Mittel zum Erfolg ist.

Im Handelsblatt gab es vor Kurzem einen Artikel, der sagte, die Unternehmenskultur müsse sich ändern. Ich bin der Meinung, das tut sie schon: Das tut sie mit jedem Vater, der sechs Monate und mehr in Elternzeit geht, mit jeder Mutter in der Geschäftsführung, die versucht neue Wege zu gehen und hoffentlich auch mit uns! Wir arbeiten heute alle länger – wir haben noch viel Zeit. Irgendwann sind die Kinder größer und wir können wieder mehr arbeiten (und das werden wir auch).

Und eines Tages sind wir in den Positionen, in denen wir Teammitglieder einstellen, befördern oder entlassen. Ich wünsche allen Müttern und Vätern, dass sie sich dann an ihren eigenen Kampf mit der Vereinbarkeit erinnern. Das sie ihren Mitarbeitern mehr Flexibilität zugestehen.

Denn die Gesellschaft, die Unternehmenskultur, das sind doch wir!

We’ve come a long way

Liebe Glucke, bis 1977 (!) stand im BGB, dass Frauen die Erlaubnis ihres Ehemanns benötigen, wenn sie arbeiten gehen wollten. Juristen mögen jetzt argumentieren, dass es gegen das Grundgesetz verstieß und somit nichtig war (Art. 3 Abs. 2 „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“) – aber es hat auch niemand für nötig befunden, das mal vorher mal rauszustreichen.

Eine Mischung aus „Steter Tropfen“ und Lautstärke

Wenn man sich das mal vor Augen führt, dann zeigt es: Wir sind schon ne ganze Ecke weit gekommen. Sicher liegt noch viel Weg vor uns. Aber trotz aller Schwierigkeiten, aller Stolpersteine, Rückschläge und Co. bin ich optimistisch, dass wir eben bereits auf dem Weg sind.

Vielleicht haben wir Pech und sind eine „Dazwischen-Generation“: Für die traditionellen Rollenmodelle schon zu weit, für die neuen noch nicht bereit.

Aber spätestens unser Kinder werden sich aus ganz vielen Gründen in einer ganz anderen Arbeitswelt bewegen, als wir es heute noch tun. Hoffentlich Sicherlich ist sie familienfreundlicher!

Bis dahin: Erheben wir unsere Stimmen. Zeigen die Stolpersteine und Rückschläge – aber eben auch die Erfolgsgeschichten und Möglichkeiten auf. Für meinen Mann und mich war das der Grund, warum wir dieses Blog ins Leben gerufen haben: Um zu zeigen, dass und wie es geht/gehen kann, auch wenn es nicht immer einfach ist.

Liebe Glucke, ich wünsche dir, dass du ganz bald eine Anstellung findest, die dir Spaß macht und die zu dir und deiner Familie passt: Und ich hoffe, dass du uns dann berichtest, wie das so bei euch ist mit der Vereinbarkeit!

Alles Gute
Jette

Was glaubt ihr: Was brauchen Familien, damit Vereinbarkeit für alle funktioniert? Was können wir alle tun, damit es funktioniert? Und last but not least: Habt ihr Tipps, wie Vereinbarkeit einfacher wird? 

Und weil es zu so vielen Aspekten des Themas passt, gebe ich das Wort an Carolin Kebekus und Lisa Politt:

https://www.youtube.com/watch?v=njzu9gzpQA8

3 comments on “Wie Vereinbarkeit funktionieren kann”

  1. Pingback: Dümmliche Tipps, Dämlichkeit und Dörfer - Halbe Sachen

  2. Ulf Moritz Antworten

    Hallo Jette,
    ich kann die „Glucke und So“ verstehen. Zufällig bin ich gestern auf die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ gestoßen. Lag eine dicke Beilage in der Süddeutschen. Ein „überparteiliches Bündnis“, finanziert von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie. Sie schreiben zum Thema: „500.000 Mütter wollen wieder arbeiten“:

    „Unsere Forderung: Damit Eltern selbst entscheiden können, wie sie ihre Zeit zwischen Familie und Beruf aufteilen können, braucht es ein Betreuungsangebot in hoher Qualität. Dazu gehört auch, dass das Betreuungspersonal fortlaufend qualifiziert wird und die Zahl der Betreuer mit Hochschulabschluss steigt.
    Erreichen die Kinder das Schulalter, beginnt für viele Eltern erneut die Suche nach einer Betreuung. Damit Eltern frei entscheiden können, ob sie ihre Arbeitszeit reduzieren oder nicht, muss auch das Ganztagsangebot stark ausgebaut werden.
    Insgesamt verbesserte Betreuungsangebote würden den Frauen die freie Entscheidung ermöglichen, ihre Qualifikation am Arbeitsmarkt zu nutzen.“
    http://www.insm.de/insm/kampagne/grosse-aufgaben/familie-und-beruf.html

    Eine berechtigte Forderung, der sich viele Menschen / Familien anschließen können. Dass sie damit aber nur die halbe Wahrheit beschreiben, das steht da nicht. Arbeitgeber müssen sich ändern. Arbeitgeber und Kollegen müssen eine neue Sicht der Dinge entwickeln. Da schweigen sie lieber. Und ist ist es ganz richtig, was Du schreibst: Auf die Väter kommt es an. Sie müssen offensiv ihre Rechte als Väter wahrnehmen. Die Arbeitgeber werden nur da zurückstecken, wo sie gezwungen werden, entweder durch gesetzliche Regelungen oder durch wirtschaftliche Notwendigkeiten.
    In diesem Sinne: Es gibt viel zu tun.
    Liebe Grüße Ulf

  3. Glucke und So Antworten

    Hi,
    danke für deine Antwort.
    Ich hoffe Du weißt das ich ein Plädoyer für alle Lebensmodelle gehalten habe. Jeder muss wissen was er tut und will, ich muss nicht alle Lebensmodelle gut finden aber darum geht es mir auch gar nicht. Mir geht es darum das nur das Vollzeitmodell erwünscht ist und auch nur dafür wird in der Politik und Gesellschaft etwas getan.
    Zu dem Thema mit den Vätern. Ja das ist ein Teil des Kuchens aber auch hier muss individuell geschaut werden. 6 Monate Elternzeit wären bei uns finanziell katastrophal gewesen. Wir haben 2 Monate gemeinsam genommen.
    Hier grundsätzlich die Väter in irgendeine Verantwortung zu nehmen kann ich irgendwie nicht.
    Vielleicht hab auch ich da noch klassische und teils konservative Ansichten, vielleicht bin ich auch einfach geprägt.
    An eine Petition habe ich auch schon gedacht. Ich habe auch bewusst Lösungsansätze nicht in meinen Beitrag aufgenommen da ich schlichtweg kaum welche habe. Ein Grundeinkommen wie in Skandinavien? Home Office? Lohnnebenkosten senken? Dieses Thema ist so umfangreich. Mein Post war impulsiv und wirklich voller Wut und Verzweiflung.
    Mein Gerechtigkeitssinn wurde in den letzten Jahren so oft getreten aber wie du schon sagst das Hebammenthema ist trotz immensen Einsatzes trotzdem gescheitert und das macht mir Angst.
    Können wir was ändern? Wie lange wird es dauern, bis sich diese Bedingungen ändern?
    Danke für deine Zeilen.
    Wir bleiben in Kontakt
    Liebe Grüße
    Dani

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