Guter Esser, schlechter Esser

Warum ich nicht über das Essen meiner Kinder reden möchte

 

Bevor ich Mutter wurde hätte ich nicht gedacht, dass das Thema Essen einmal einen solchen Stellenwert in meinem Leben einnehmen würde. Essen war für mich nie ein großes Thema. Es dämmerte mir schon während der Schwangerschaft, mit ihren vielen Regeln zum „richtigen“ Essen, dass sich das ändern würde. Auch das die Frage Stillen oder Fläschchen einen gewissen Stellenwert haben könnte, ahnte ich. Die Dimension von Beikost-Diskussionen sowohl was Vehemenz als auch Dauer angeht habe ich mir nicht im Geringsten vorstellen können. Aber was mich völlig umgehauen hat – es ist danach noch lange nicht vorbei.

 

Yours truly - die Autorin in den frühen 80ern. Von mager ist noch nix zu sehen.

Yours truly – die Autorin in den frühen 80ern. Von mager ist noch nix zu sehen.

Ich muss dazu etwas ausholen: Ich war, nachdem ich den Babyspeck verloren hatte, immer schlank. Nein, schlank ist das falsche Wort – mager trifft es in meinen Teenie-Jahren besser. Mein langer, schlanker Papa und meine kurze, dicke Mama haben es aber ganz wunderbar hingekriegt, dass ich es nie problematisiert habe (gut gemacht, ihr zwei). Obwohl es in unserer Familie eine Darmkrankheit und Allergien gab und meine Mutter schon sehr auf Qualität und Frische geachtet hat, war Essen nie ein Problem-Thema.

Ich denke, ich war so 14, maximal 15, als sich das schlagartig änderte. In der Umkleide nach dem Schulsport sagte eine Klassenkameradin in den Raum hinein: „Ich möchte 10 kg abnehmen – aber so dünn wie Jette will ich auch nicht sein.“ Das ist das erste Mal, dass ich mich daran erinner’, dass meine Figur thematisiert wurde. Noch dazu vor allen Mädchen der Klasse. Ganz toll.

Der dünne, blasse Teenie – das war ich

Gefühlsmäßig wurde es nur noch getoppt von dem einen Abend im Club (der damals noch Disko hieß), als ich während einer Tanzpause an der Wand lehnte: Auf einmal kam ein Typ, den ich bis dahin überhaupt nicht wahrgenommen hatte, quer durch den Raum, setzte sich neben mich und quatschte mich voll. Ich mag mich nicht festlegen, aber seine Worte waren in etwa: „Ich weiß, Du findest das schön – aber das ist es nicht. Du bist echt zu dünn, das ist nicht gesund – du solltest dir Hilfe holen.“

Wham – das saß!

Ständig nörgelt einer am Essen – oder am Essverhalten

Nun bin ich also Mutter: Überspringen wir mal Stillen und Beikosteinführung und setzen uns direkt mit an den Familientisch. Einhalb hat seitdem sie durfte, alles gegessen. Mit alles meine ich A.L.L.E.S. Genaugenommen hatte sie lange Zeit eine Vorliebe für schwarze Oliven (gibt es immer noch, solange kein „Grün“ dran ist), „Stinke-Käse“, Fisch in jeder Form und Pilze.

Lara EssenEssen war also nicht so unser Problem. Was sie aber bis heute nicht gut kann: Essen wenn sie aufgeregt ist. Auf großen Familienfesten, Weihnachten oder auch Kindergeburtstagen schafft sie es locker nur das Nötigste zu essen, um nicht hungrig zu bleiben. Das hält sie bei Bedarf mehrere Tage lang durch. Wieder zuhause langt sie zu, dass man meinen könnte, sie komme gerade vom Marathon. Was sie in gewisser Weise ja auch tut. Wobei Aufregung eigentlich ein zu starkes Wort ist. Eigentlich gilt auch schon, dass ihr was einfällt, was sie unbedingt tun muss, oder eine andere Sache spannender ist.

Das soll ja bei Fünfjährigen ja durchaus häufiger mal der Fall sein.

Zweihalb hingegen steckt noch total in der „Essen ist toll“-Phase – sie isst einfach alles, sie isst es gerne und für ihr zierliches Äußeres isst sie verdammt viel. Sie will alles kennenlernen und zwar sofort. Das tut sie häufig mit den Händen und viel Sauerei – aber mit großer Begeisterung. Sie wird es lernen. Am allerliebsten isst Zweihalb in Gesellschaft. Vom Trubel lässt sie sich nur insofern ablenken, als dass sie kurz aufsteht, nachschaut und wieder zurückkommt, um Nachschlag zu verlangen. Ich finde das großartig!

Wir thematisieren Essen als solches also nur in der Frage: „Was essen wir heute?“ Für alles andere, gibt es Tischregeln und die Zeit: Einhalb muss lernen, am Tisch sitzen zu bleiben – und isst dann häufig aus Langeweile doch noch was. Außerdem haben wir natürlich die total spießige „Alles muss probiert werten“-Regel. Zweihalb – naja: Aktuell üben wir, dass es wenig zielführend ist, den Löffel kurz vor dem Mund um 180 Grad zu drehen.

Girls – eat more salad!*

Tochter und Mutter essen ein Eis

Eis geht immer! Das soll bitte auch noch lange so bleiben (allerdings gern jeder mit einem eigenen).

Für Mädchen gehört ja leider spätestens in der Pubertät das Thema Gewicht zum Alltag. Meine Erfahrung hat mich dabei gelehrt, dass es unwichtig ist, ob das für einen selbst ein Thema ist – im Zweifelsfall wird es zu deinem Thema gemacht. Daher ist es mir sehr wichtig, dass meine Töchter sich möglichst lange keine Gedanken über ihr Gewicht machen.

Mich hatten die vielen Kommentare schlussendlich so verwirrt, dass ich eine Freundin meiner Eltern um Rat fragte. Sie ist auf Essstörungen spezialisierte Psychologin. Erst als sie sagte, ja, du bist nach allen gängigen Definitionen untergewichtig – aber du bist gesund, du isst genug und vernünftig. Mach dich nicht verrückt. Erst da konnte ich wieder etwas Frieden mit meiner Figur finden.

Aber leider meinen ja auch alle möglichen Menschen und Institutionen, sie hätten dazu was zu sagen. Daher kann man Ann-Katrin Kossedey-Koch, die Post Apotheke aus Neckarhausen und die Schweizer Pharmama gar nicht oft genug loben, teilen und verlinken. Denn sie haben die Januar-Ausgabe der Medizini (für Kinder zwischen 5 und 12 Jahren) nicht ausgelegt, um nicht den darin enthaltenen Test zur Zufriedenheit mit der eigenen Figur zu verbreiten. Um es in Internet-Sprech zu sagen: WTF?!

Zurück zu unserer Familie: Während wir das also das Essverhalten am ehesten mit Sätzen wie „Mach bitte den Mund zu“ kommentieren, hören wir total häufig Meinungen zum Essverhalten unserer Kinder von anderen Menschen. Das nervt oft, ist aber darüber hinaus fast immer unangemessen und in den meisten Fällen übergriffig gegenüber den Kindern. Daher hier meine Top-Drei der Dinge, die ich am liebsten nie mehr hören würde:

Platz 3: Wieso schmeckt es Dir nicht? Das ist sehr lecker!

Nein. Ganz offensichtlich nicht! Wenn es dem Kind probiert hat und es ihm nicht schmeckt, dann ist das so. Egal, wie viel Arbeit ich als Mutter in Kochen gesteckt habe. Ich vertraue meinen Töchtern, dass sie selbst wissen, was sie mögen und was nicht. Nicht immer endet das besonders schmeichelhaft für mich und meine Kochkünste. Die Erbensuppe im Kindergarten ist beispielsweise heiß geliebt und wird immer mit Nachschlag gegessen. Zuhause hingegen werden die fünf Erbsen EINZELN aus dem Hühnerfrikasee gepopelt. Erbsen mag man hier nämlich nicht. Nie!

Wir lösen es so, dass es nach dem obligaten probieren, auch oft genug das gewünschte Gouda-Brot gibt.

Platz 2: Na, Dir schmeckt es aber.

Mal ganz davon abgesehen, dass die Antwort hier nur „ja“ lauten kann – was will denn der Kommentator hören? Worin liegt der Mehrwert dieser Aussage? Ich frage doch auch keinen Erwachsenen, der sich das dritte Mal am Desserbüfett bedient: Na, heute haste aber richtig Hunger?

Offensichtlich schmeckt es. Ist doch super! Da hat der Koch/die Köchin doch mal was richtig gemacht. Besonders wenn gerade die „nackte Nudel“-Phase angebrochen ist. Beim nächsten Mal kann es schon wieder massiv schief gehen. Oder um es in den Worten von Lilli Marlene auf Twitter zu sagen:

Platz 1: Du bist aber ein guter/schlechter Esser

Ich verstehe das nicht: Was soll das sein, ein guter bzw. ein schlechter Esser? Warum soll die Menge, irgendetwas über unser Essverhalten aussagen? Und wie möchte bitte ein Erwachsener beurteilen, welches Maß an Hunger, das Kind gerade zu haben hat? Insbesondere, wenn er nicht den ganzen Tag mit dem Kind verbracht hat. Ich finde dieses Verhalten anmaßend und falsch.

Insbesondere immer dann, wenn es um vermeintlich „schlechte Esser“ geht. Was soll denn der Kommentar in dem Kind auslösen? Jemanden einen schlechten Esser zu nennen, ist in meinen Augen ungefähr so, wie das Kind so lange vor dem Teller sitzen zu lassen, bis dieser leer ist. Und das, finde ich, ist so ziemlich das Letzte.

Vertrauen wir doch unseren Kindern! Nur dann können sie lernen, ein gesundes Essverhalten zu entwickeln.

So lernen sie ihren Hunger und Sättigung einzuschätzen, sich und ihrem Körper zu vertrauen. Wenn wir Erwachsenen uns da ständig einmischen, geht das nicht.

Natürlich gehört auch dazu, dass ein Kind mal zu wenig isst und nach einer halben Stunde wieder vor uns steht. Aber auch das gehört in die berühmte Eltern-Kategorie: Nervig – ja; anstrengend – sicher; ein Beinbruch – sicher nicht.

Genau richtig sein – ein gutes Gefühl

Ich liebe meine Töchter, so wie sie sind: Ich liebe den kleinen Kugelbauch, den Zweihalb aktuell vor sich herschiebt. Ich bin ziemlich beeindruckt von Einhalbs Sixpack, wenn sie kopfüber an ihrem Kletterseil hängt. Und ich finde beide Töchter wunderschön und ganz genau richtig. Noch finden sie das auch – ich hoffe, das dauert noch lange.

Wie ist das bei euch? Ist Essen ein großes Thema bei euch? Und wenn ihr schon ältere Kinder (Töchter) habt: Wann fing es an, dass Gewicht wichtig wurde? Wie geht ihr damit um? Schreibt es uns – wir freuen uns auf eure Erfahrungen und Berichte.

*Ein geflügeltes Wort zwischen Olli und mir. Es stammt von einer DanceCaptain (so was wie ein Trainer für Tänzer*Innen) mit dem Oliver mal zusammenarbeitete. Sie hat es als Fazit über die vorherige Show gut für alle hörbar über die Lautsprecheranlage des Theaters ausgerufen.

 

5 comments on “Gute Esser, schlechte Esser”

  1. Rosalie Antworten

    Mit dem Essensthema hatten wir bei uns in der Kleinfamilie eigentlich noch nie ein Problem. Da darf jeder so viel und was er will – ich frage halt vorher ‚Was wollt ihr?‘ und das gibt’s dann. Wenn T1 es isst, dann isst es T2 im Allgemeinen auch. Besonders viel essen meine Kinder aber nicht. Sie kamen schon als zarte Mädels auf die Welt, haben mit aller Milch der Welt keinen Babyspeck angesetzt, sondern sind stets in die Höhe geschossen, sobald ein Ansatz an Doppelkinn sichtbar wurde.
    Und auch jetzt – sie essen halt nach Hunger und im Grunde auch nicht nach festen Zeiten – außer im Kiga.
    Am liebsten mögen sie beide immer noch Milch und davon kriegen sie auch große Mengen.

    Schlimm finde ich es nur bei der Schwiegermutter. Die ist der Meinung, ich sei eine schlechte Mutter (wörtliches Zitat), weil ich das wenig Essen und unregelmäßig Essen zuließe und statt ihnen Bissen für Bissen mit ’noch ein Löffelchen für Oma‘ zu verkaufen, mir selbst etwas auf den Teller auftun würde, bevor die Kinder satt seien. Es ist einfach schrecklich, aber selbst den größten Streit blockt sie dann ab mit ‚wir kommen da eben nicht zueinander bei diesem Thema‘. Und wir sind schon heftig aneinander geraten deshalb. Und so sitzen Oma und Opa dann da und füttern T1 und T2 (4 und 2 Jahre) jeden Bissen rein mit ‚dann darfst du hinterher auch Biene Maja‘ schauen. Es ist echt gruselig. Und es hört auch nicht auf, wenn T2 ihnen das Essen wieder ins Gesicht spuckt. Das kommt nämlich alles nur, weil ich sie so schlecht erzogen hab…
    Zum Glück ist der Kontakt eher spärlich. Aber ich hab da leider kaum Möglichkeiten mich zu wehren. Das ärgert mich am meisten. Und den Kindern gänzlich den Zugang zu den Großeltern verwehren? Die Kinder werden schon selbst entscheiden, ob sie dahin wollen. Bisher wollen sie immer.

    Muss ich halt weiter zuschauen. Ich bin aber froh, dass es im Kiga nach der Nase der Kinder läuft. Ich saß damals noch bis 6 Uhr abends vor 3 Stücken Rosenkohl, bis mich meine Mutter abholen kam. Das war nicht schlimm und ich hab dadurch klar gemacht, dass man mich nicht zwingen kann. Aber sowas muss ja nun echt nicht sein.

    • Ulf Moritz Antworten

      Hallo Rosalie,
      vielleicht sollte mal der Sohn der Schwiegermutter mit ihr reden. Wenn Eltern sich einig sind, sollten sie ihre Erziehungsgrundsätze auch beim Essen und auch bei den jeweiligen Eltern durchsetzen. Solidarität der Paare ist immer und in jede Richtung angesagt. Wir haben immer gesagt: „Gemeinsam sind wir unausstehlich!“ Und so haben dann beide Großmütter irgendwann aufgegeben, sich einzumischen. Wünsch Euch viel Kraft, die ihr bei der „Selbstverteidigung“ sicher brauchen werdet.
      Herzlichen Gruß
      Ulf Moritz

  2. Ulf Moritz Antworten

    Hallo Jette,
    wie Du schon schriebst, in unsere Familie gab es mit Allegien und anderen Erkrankungen Probleme. Davon warst auch Du betroffen. Und so versuchten auch wir, Dich „richtig“ zu ernähren. Das hieß vor Allem nach den Meinungen der vielen klugen Menschen um uns herum: Zuckerfrei. Nix Süßes. Keine Bonbons, keine Schokolade…… Die Folge: Nix wurde besser, aber Du entwickeltest einen Heißhunger auf alles Süße. Irgendwann beschlossen wir, dass es nun genug sei mit dem Essenterror. Und gaben die Schokolade frei. Die Folge war klar: Futtern bis es einem schlecht wird. In der Folge pendelte sich alles ein. Und die Allergie musste halt anders behandelt werden. Aber das Ende der Suche nach der richtigen Ernährung hat das Familienleben sehr entspannt. Ich kann nur Deinen Satz bestätigen: „Vertrauen wir doch unseren Kindern“.
    Bei bestimmten Erkankungen frage man seinen Arzt oder Apotheker. Gesunde und ausgewogene Ernährung ist schon wichtig. Aber groß werden die Kinder auf jeden Fall! Da seit man sicher.
    In diesem Sinne guten Appetit!
    Ulf

  3. Katja Antworten

    Hallo liebe Jette,

    meine Mutter ist leider eine „Du hast aber zugenommen“-Mutter, eine „Pass auf, dass du so schön schlank bleibst“-Mutter. Als Teenie ist mir das nie so aufgefallen, da ich früher auch der schlanke Typ war – aber bei meinen Teenie-Nichten fällt es mir auf (die übrigens alles andere als dick sind). Ich finde das fürcherlich! Wenn meine Mutter das zu mir sagt, kann ich darüber hinwegsehen, bin ja alt genug. Aber bei den Kindern … (sind inzwischen zum Glück auch alt genug).

    Meinen Vater nervt das auch, aber wenn er was sagt, kriegt er seinen dicken Bauch vorgehalten – auch nicht nett. Der Kleine wird immer als „guter Esser“ gelobt – klar, wer aus einem marmeladenfreien Haushalt kommt und bei der Oma zum Frühstück Marmeladenbrot vorgesetzt bekommt, verputzt natürlich gerne mehrere davon. Leider zeigt das ein wenig die Eindimensionalität im Denken meiner Mutter – zu dick werden soll man nicht, dass das aber auch mit der Ernährung zusammenhängt, steht für sie (teilweise) auf einem anderen Blatt. Sie macht sich z. B. wenig Gedanken über Inhaltsstoffe.

    Unser Kleiner ist ein schlankes Kerlchen, hatte nie viel Babyspeck, isst gerne, sowohl Süßes als auch Gemüse. Er bekommt auch Süßes, wir verweigern es ihm nicht. Die Probierregel gibt es bei uns auch – und natürlich isst er im Kindergarten mit seinen Freunden alles das, was er daheim nicht mag. 😉 Eine Freundin von uns macht sich wiederum heute schon Sorgen, ob ihre 3-Jährige zu dick ist … (nein, ist sie meiner Meinung nach nicht). Das wird sicher irgendwann noch ein Spaß …

    Liebe Grüße hier vom Rhein
    Katja

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