Sprachlos – Über Scheren und Grenzen

Heute soll es mal nicht über die Kinder und/oder die Arbeit gehen. Heute soll es mal um das Blog gehen, und vielleicht sogar um’s bloggen allgemein. Denn so lange war es hier still. Das hat tausendundeinen Grund. Zu einigen davon, möchte ich meine Gedanken mit euch teilen: Als wir hier vor knapp 3 Jahren gestartet haben, waren wir voller Euphorie und hatten 1.000 Ideen. Wir wussten ganz genau, was wir wollten: Anderen Eltern Mut machen, zu diesem Dingens namens Vereinbarkeit. Positive Beispiele, wie es gehen kann, das mit der gleichberechtigten Partnerschaft und so. Wir machten viele Pläne. Schließlich sollte es ein Erfolg werden: Wir wollten vielen Menschen Mut machen.
Ziemlich schnell, vielleicht sogar nach dem ersten Text, teilte eine Freundin und Kollegin den Text mit Nennung meines Namens bei Facebook. Sie war/ist auch mit vielen anderen Kolleginnen vernetzt, die ihrerseits wiederum auch noch dem letzten Kollegen im Büro erzählen mussten, dass die Jette jetzt bloggt. Auch viele Nachbarn und Co. wussten sehr schnell von dem Blog. Wieso, weiß ich nicht mehr genau. Ich war da eher vorsichtig. Wirklich gestört hat es mich aber auch nicht. Schließlich wollte ich eh nur positive Dinge ins Netz schreiben. Dieser Blog soll ein Ort des Empowerments sein. Auf „so geht das doch alles nicht“-Artikel hatte ich keine Lust.

Der Beginn der Sprachlosigkeit

Dennoch: Das Leben mit zwei Kindern, zwei „vollzeitnah“ arbeitenden Eltern, den strengen Reglements von Schließzeiten und Stress mit dem ÖPNV, Messetermine an Kindergeburtstagen und so weiter und so fort … Kurz: Natürlich flogen auch um uns nicht den ganzen Tag Regenbogen pupsende Einhörner und manchmal war alles auch einfach nur doof und unvereinbar und furchtbar anstrengend – und ist es auch immer noch.

Aber das sollte es in diesem Blog nicht geben. Empowerment und Co. Zack, die Schere im Kopf schnibbelte heftig und ein paar Artikelideen flogen weg, vielleicht auch ein paar mehr. Die Grenzen, die ich mir in bestem Wissen und Gewissen setzte, fingen an ein wenig zu drücken.

Dann kam mein Artikel über die nervenden, arbeitenden Mütter: Ich wusste, der ist gut. Also stellte ich ihn bei der Edition F ein. Aber schon bevor er da Aufmerksamkeit erregte, wurde er von einem großen online Magazin für Mütter aufgegriffen (bis heute wüsste ich gerne, woher die schon wussten, dass es die Halben Sachen gibt), parallel prüfte die Brigitte meine Anmeldung bei den Brigitte Mom Blogs und plötzlich waren wir mit diesem Text Blog-Liebling. Auch die Edition F hob den Artikel auf die Startseite, wo er gut performed haben muss. Inzwischen war er mehrfach im Newsletter und wird auch immer wieder mal bei Facebook veröffentlicht. Und er bringt immer noch Leser hierher. Aber halt! Ich kann doch gar nicht lustig schreiben. Das war ein Zufallstreffer. Jetzt wollen die Leute bestimmt, dass du immer so schreibst, dass das hier lustig und ironisch ist. Zack, die Schere im Kopf schnitt munter weiter. Die Grenzen wurden noch ein Stück enger. Doch damit lernte ich umzugehen.

„Angst ist nicht gut, Angst macht einsam.“*

Aber dann ist da dieses ganze unglaublich tolle und unglaublich schreckliche Internet: Ich liebe es. Ich liebe es, dass es meine Welt größer macht, den Blick auf Dinge lenkt, die ich sonst nicht wahrnehmen würde, dass es Menschen gibt, die mich feministischer, inklusiver und toleranter machen.

Aber es gibt eben auch diese andere Seite. Auf die der Blick automatisch auch gelenkt wird. Die mit den wütenden Netz-Idioten, die entweder behaupten, Blogger würden ihre Kinder für Netz-Fame ausschlachten (unter anderem bei Frau Brüllen). Den Wichtigtuern und Großkotzen, die andere belehren, dass sie das alles ganz falsch sehen und ihre Erlebnisse alle gar nicht so gewesen sein können (u. a. bei Mlle Read-on). Und den wirklich gefährlichen Menschen, die nicht davor zurückschrecken, ihren Worten Taten folgen zu lassen und gar versuchen die Existenz von Blogger*innen zu bedrohen indem sie versuchen das Konto zu hacken (bei Mama arbeitet). Und dann war da noch die Bloggerin, der angedroht wurde, man wisse, auf welche Schule das Kind geht (ich finde es grad nicht mehr – gerne lasse ich mein Gedächtnis auffrischen). Sagen wir, wie es ist: Das macht mir Angst. Angst aber macht stumm.

Familien sind laut – unsere Meinung sollte es auch sein

Gleichzeitig finde ich es total wichtig, dass Familien und insbesondere Frauen laut sind. Dass sie eine Stimme haben. Dass sie sich gegenseitig Mut machen – oder auch mal sagen, wenn es nicht läuft. Oder wo es besser laufen könnte. Andere Blogger freuen sich über ihre bezahlten Koops? Wir freu(t)en uns, über Einladungen aus dem Familienministerium.**

Und dann sind da so komische Regeln, wie die Europäische Datenschutz-ichweißschonnichtmehrweiter. Ich habe schlicht keine Lust, mich durch juristisches Gedöns zu arbeiten, nur um hin und wieder in dieser kleinen Ecke des Internetzes (für die ich bezahle) meine Gedanken aufzuschreiben und anderen Menschen zugänglich zu machen. Facebook und Instagram schrauben an den Algorithmen, was es kleinen Blogs immer schwerer macht, überhaupt gesehen zu werden. Lohnt der Aufwand dann überhaupt?

All diese Gedanken bewegten und bewegen mich in den letzten Wochen. Auch weil dieses Jahr schon absehbar nicht ruhiger wird. Vielleicht wäre es besser, diese kleine Ecke des Internets frei zu machen, für andere, mutigere, lautere Menschen?

Aber dann gibt es auch immer wieder positives Feedback. In den Kommentaren, über die ich mich (meistens – minus unseren kleinen Mini-Troll) freue, per Mail oder gerne auch im echten Leben. Und so viele Ideen für Artikel. Das Schreiben macht mir ja schon auch viel Spaß. So viel kann und sollte noch gesagt werden, über das Nebeneinander von Beruf und Familie. Sei es über die Grenzen der Vereinbarkeit, sei es darüber, warum (fast) alle Frauen in meinem Umfeld erst dann zu bekennenden Feministinnen werden, wenn sie Kinder versorgen (mich inklusive), oder, oder, oder – die Themen gehen mir nicht aus.

Gern würde ich hier kämpferischer enden. Gern wäre ich mutiger. Bin ich aber nicht. Noch nicht? Und so ist wieder eine Woche vergangen, in der ich Artikelideen sammel‘ und mehr oder minder im Kopf oder in den Handy-Notizen vorbereite – und in der die „Neuste Artikel“-Rubrik im Blog Staub ansetzt …

Ich weiß es doch auch nicht.

 

* Der Riese Grykolos aus Tabaluga

**Bis sich herausstellte, dass die Menschen dort immer unter der Woche, nachmittags, in Berlin ohne Kinderbetreuung oder Erstattung der Reisekosten mit Familien über Vereinbarkeit sprechen wollen. Very funny.

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