Seitenwechsel

In meiner Twitter-Timeline geht es hoch her. Das tut es ja häufiger, aber ausnahmsweise geht es nicht um Kinderbilder im Netz, den bösen Industriezucker oder Einschlafbegleitung. Nein, es geht um eine Studie. Genau genommen die Studie „Mitten im Leben – Wünsche und Lebenswirklichkeiten von Frauen zwischen 30 und 50 Jahren“ des Bundesfamilienministeriums.

Worum geht es? Das Ministerium hat eine repräsentative Befragung* zu Frauen zw. 30-50, ihrer Einkommenssituation, ihren Erwartungen, etc. gemacht. Zum Hintergrund schreibt das BMFSFJ:

Entscheidungen in der Mitte des Lebens haben heute erhebliche Konsequenzen für die kurzfristigen Einkommen und späteren Einkommenschancen von Frauen, die derzeit mit zunehmendem Alter systematisch weniger Einkommen verdienen als Männer. Gerade im Zeitraum zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr wächst die Entgeltkluft zwischen Frauen und Männern stetig von 9 % auf 27 %. Gerade im Alter zwischen 30 und 50 Jahren werden viele Frauen zunehmend vom Einkommen ihres Partners oder staatlichen Transferleistungen ökonomisch abhängig, können trotz beruflicher Qualifikation und hoher Motivation ihren Lebensunter- halt nicht erwirtschaften.

Nun wurden die Ergebnisse veröffentlicht. Und die beiden Zahlen, die grad am meisten die Runde machen, sind folgende:

– 10 % der Frauen zwischen 30 und 50 Jahren haben ein eigenes Nettoeinkommen über 2.000 Euro.

– 19 % der verheirateten Frauen beziehen überhaupt kein eigenes Einkommen.

Und Twitter so: WAAAAAS?!?!

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Gerne garniert mit mindestens dem Unterton: Wie kann eine denn sooo doof sein.

Ich habe dazu nix gesagt. Wenigstens nicht öffentlich. Aber jetzt mach ich es doch. Ich will gar nicht darauf eingehen, wie arrogant ich die Mutmaßung finde, jede*r könne auf dieses Gehalt kommen.** Ansonsten hat das Thema, wie immer ziemlich klug, Teresa Bücker für die Edition F aufgedröselt.

Nein, ich will euch heute meine persönliche Erfahrung damit zeigen. Denn ich bin ziemlich genau zwischen 30 und 50 und:

Ich bin eine der 10 Prozent.

Heute

Angestellt in „vollzeitnaher Teilzeit“

Am 23. Mai 2019

In 39 Tagen bin ich eine der 19 Prozent.

Verheiratet

Erwerbslos und finanziell abhängig

Ja, ich habe von mir aus gekündigt und strebe vorerst auch keine Lohnerwerbstätigkeit an.

Offiziell ist es ein Sabbatical, weil das besser klingt als „Hausfrau und Mutter“. Und weil ich direkt deutlich machen will, dass ich mir das Ganze begrenzt vorstelle – nicht zuletzt mir selbst.

Aber es bleibt der Fakt, dass es aufgrund einer Reihe beruflicher, struktureller sowie privater Aspekte nicht mehr so weiterging. Und dass ich, gemeinsam mit meinem Mann eine Entscheidung getroffen habe. Und die heißt aktuell halt, dass wir uns vom 50:50 Modell verabschieden und eine komplette Rolle rückwärts machen. Er stockt seine Stunden auf Vollzeit auf, ich, äh, stocke sie runter – oder so. Der Vereinbarkeits-Schuh drückt an zu vielen Stellen, als das wir in ihm noch lange Strecken gehen können und/oder wollen.

Scheitern oder weise Entscheidung

Und ja, das fühlt sich nach Scheitern an.*** Ich wollte, dass es klappt. Wir wollten es. Himmel, dieser Blog hat das sogar in der Unterzeile, das Familie und Beruf möglich sind. Sind sie ja auch. Manchmal. Waren sie für uns jetzt bald neun Jahre. Aber jetzt sind sie es nicht mehr. Was ich erschreckend finde, ist das JEDE berufstätige Mutter, der ich von unserer Entscheidung erzählte, uns zustimmte und bestätigte, dass sie es verstehen kann.

Es ist nicht mein Ziel, dass wir uns alle um jeden Preis in dieses Korsett pressen. Mit uns alle meine ich jetzt erst einmal meine Familie. Aber dann auch alle Menschen, die sich an der Vereinbarkeit versuchen.

Und deshalb schreibe ich diese Zeilen: Es ist kein Scheitern, wenn eine sagt, dass sie nicht mehr kann. Oder von Anfang an sagt, dass sie schlicht keine Lust hat, sich beide Beine für etwas auszureißen, was oft genug doch an einen Spagat erinnert und für das sie von allen Seiten noch doofe Kommentare kriegt. Oder wie Dr. 700 Sachen so treffend formuliert:

 

Wir haben es versucht. Wir werden es wieder versuchen. Nur nicht gerade jetzt.

Und wenn wir es wieder versuchen, hoffe ich, dass der Zaun auf die andere Seite nicht zu hoch ist.

In diesem Sinne: Seid nett zueinander und hört einander zu.

Ach und: Geht am 26. Mai wählen.

Es grüßt: Frau Noch-HalbeSachen, bald GanzHausfrauSache

 

 

* n = 3.011 ist übrigens so punktgenau repräsentativ für die BRD-Bevölkerung ab 18, dass das quasi automatisch in der Stimme meines Statistik-Dozenten gesprochen wird.

** Das durchschnittliche Bruttogehalt für Vollzeit angestellte Arbeitnehmer lag laut Statista 2017 bei 3.770 Euro. Und erinnert ihr euch noch alle, wie man einen Durchschnitt berechnet? Wenn also angestellte Manager sehr, sehr sehr viel mehr verdienen, wie kommt man dann auf ein Mittel von unter 4.000 Euro? Merkste selbst, oder?

*** EDIT: und Angst macht es mir auch.

 

3 comments on “Seitenwechsel”

  1. Little B. Antworten

    Du kennst meine Meinung: Es ist gut und richtig so. Es fühlt sich jetzt vielleicht noch nicht gut an, ABER Du weißt (hoffentlich), dass Du jederzeit wieder arbeiten könntest. Dass Du mit Deiner Expertise vielerorts mit Kusshand genommen würdest. Du könntest jederzeit Deine Familie durchbringen. Also genieße, dass Du es Dir JETZT aussuchen kannst.

  2. Katja Antworten

    Liebste Jette,

    zunächst mal hoffe ich das Gleiche wie Natalie!

    Es ist definitiv kein Scheitern, wenn man sein Leben neu justiert/justieren muss/justieren will. Ich habe ebenfalls ein wenig gehadert, als ich mir eingestehen musste, dass es mit meiner Selbstständigkeit so nicht mehr weitergeht. Spagat und so. Und wenn mir dieses tolle passende Jobangebot nicht zufällig im richtigen Moment in den Schoß gefallen wäre, hätte ich es so ähnlich gemacht wie du – reduzieren auf ein Mini-Mini-Maß (familienversicherungstauglich, um genau zu sein), zur Ruhe kommen, der Familie und vor allem mir selbst wieder etwas gerechter werden. Und vielleicht auch einfach eine Zeitlang „gar nichts“ machen.

    Natürlich gab es schräge Blicke (Dieser „Du hast studiert und willst in Teilzeit als Sekretärin arbeiten – bist du nicht überqualifziert zum Kaffeekochen und Kopieren?“-Blick), aber auch sehr viel Verständnis. Und es gibt immer noch Tage, an denen ich mich einfach gerne „nur“ um unser Zuhause kümmern möchte. Geht Micha übrigens genau so. Und das bringt mich zu dem Punkt: Jede/-r muss es so machen, wie es passt. Lass dich nicht unterkriegen, schräg angucken oder Ähnliches!

    Alles Liebe für dich! Fühl dich gedrückt!

  3. Natalie Fiebig Antworten

    Meine Liebe! Ich hoffe, es ist nichts gar zu schlimmes, dass dich zu diesem Schritt zwingt. Lg!

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