S-Bahn Wut

Wer regelmäßig mit dem öffentlichen Personennahverkehr unterwegs ist kennt sicherlich folgende Situation: Eben bist du noch halb im Traumland, da fängt ein Baby/Kleinkind an zu schreien. Und es hört einfach nicht auf. Es ist laut und untröstbar. So langsam fängt es an zu nerven. Warum tut denn keiner was? Hat die ihr Kind etwa nicht im Griff? Was macht die überhaupt schon um acht Uhr mit dem Gör in der Bahn? Die können doch wirklich wann anders fahren.

Kann sie wirklich? Kann sie nicht! Schon mit Einhalb in Köln hatte ich das häufig zweifelhafte Vergnügen mit dem Kind Bus und Bahn zu fahren. Mit Zweihalb hat sich die Situation verschärft, als das wir nur einen Krippenplatz in der Nachbarstadt bekommen haben. Mit dem Auto zu fahren ist aus verschiedenen Gründen keine Option. Ich kann also mit Fug und Recht behaupten: Für das Pendeln mit Kind bin ich Expertin. Also alles easy?

Was habe ich mir dabei gedacht?

Mit Krippen haben wir also nur insofern Glück, als dass unsere Töchter sich da wohlfühl(t)en. Logistisch sind beide jedoch komplett Anti-Vereinbarkeit. Unsere Situation mit Einhalb sah etwa folgender Maßen aus: Morgens fuhr ich etwa 40 Minuten in einen komplett anderen Stadtteil, um dann wieder in die entgegengesetzte Richtung (und fast an unserem Zuhause vorbei), wieder 40 Minuten ins Büro zu eiern. Das Ganze inklusive Kinderwagen, kaputten Rolltreppen und/oder Fahrstühlen und ca. fünf Berufsschulen, die über die gleichen Buslinien „beliefert“ wurden.

Mit Zweihalb – Pendeln 2.0

Und heute? Heute haben wir zwei Kinder in zwei Betreuungseinrichtungen in zwei Städten. Jackpot!

Wenn alle also mit mehr oder weniger Drama zwischen 7:35 und 7:45 Uhr (dann schon mit deutlich mehr Drama) fertig sind, verlassen die Damen das Haus. Die große Tochter fährt meistens Rad, ich laufe und die kleine Tochter wird getragen.

  1. Als erstes bringen wir Einhalb in die Kita, die praktisch auf halbem Weg zum Bahnhof liegt.
  2. Vom Kindergarten laufen die Kleine und ich zum Bahnhof und fahren
  3. eine Station weiter,
  4. wir laufen wieder ein kleines Stück und sind schon da.
  5. Ich laufe dann kurz später zurück zur S-Bahn und ab in’s Büro.

Klingt anstrengend? Ist es auch. Aber deutlich besser als die Schlepperei von Kinderwägen.

Wutanfälle Galore

Nach dem Wutanfall musste erst einmal ausführlich gekuschelt werden.

Nach dem Wutanfall musste erst einmal ausführlich gekuschelt werden.

Aber kommen wir zurück zum Anfang des Textes: die Wutanfälle. Mit Zweihalb sind sie, wenigstens in der Bahn, deutlich seltener als mit Einhalb. Keine Ahnung, ob es am Tragen liegt, oder woran sonst – eigentlich ist sie nicht wirklich ruhiger. Aber manchmal kommen sie: Heute war es wieder soweit.

Auch im Rückblick weiß ich nicht, was der Auslöser war. Ich vermute eine Mischung aus Müdigkeit und nicht selber Rolltreppe fahren dürfen (sie war ja im Tragesystem). Auf jeden Fall war sie nicht zu beruhigen. Sie schrie und schrie und schrie!

Hätte ich was zu Essen gehabt, hätte ich vielleicht eine Chance gehabt. Aber ich hatte nur einen doofen Schnuller der Postwendend auf den Fußboden der siffigen Bahn gespuckt wurde. Ein Anfängerfehler.

Du bist hilflos – und alle sehen es

Es ist nicht nur Einbildung, dass die ganze Bahn schaut, welches Kind denn da so schreit, besonders wenn es ganz klein ist. Wir können gar nicht anders als auf schreiende Babies zu reagieren (steht zum Beispiel hier). Ich weiß nicht wie es euch geht, aber auch ohne Überwachung meiner Vitalparameter kann ich sagen: Mein Puls steigt, Adrenalin wird ausgeschüttet, ich fange an zu schwitzen und bekomme Fluchtgedanken. Währenddessen rede ich beruhigend auf das Kind ein, wechsele die Positionen (auf den Schoß, auf einen eigenen Sitz, auf den Arm) und singe notfalls in der Öffentlichkeit. So auch heute.

Eine unerwartete Wendung

Zweihalb schrie. Und schrie. Und stockte, guckte sich um. Sah etwas was ihr nicht gefiel. Und schrie.

Egal, welche Anstrengungen Mama unternahm – keine Chance.

Wie oben geschrieben – wir fahren nur eine Station, laut Fahrplan gerade mal 3 kleine Minuten. Es kam mir heute vor wie 13 – ach, wie 30. Natürlich war die Bahn gerammelt voll.

Aber: Keiner hat was gesagt. Die Leute haben mich angelächelt, haben sich über den kleinen Wutzwerg, der so ganz offensichtlich, einfach sauwütend war, amüsiert. Sicherlich waren einige auch genervt. Aber es hat keine klugen Tipps gegeben, kein offensichtliches Augenrollen (wenigstens habe ich es nicht gesehen) und keine blöden Kommentare zur eigenen Begleitung, die absichtlich so laut geäußert wurden, dass ich sie hören sollte.

Nur als wir ausstiegen und das Kind postwendend verstummte, musste ein Mitreisender lachen und sagen: „S-Bahn mag sie anscheinend nicht.“

Heute hatte er definitiv Recht.

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