Zahltag

Heute geht es um die Rente – und um finanzielle Forderungen an den Staat allgemein. Der heutige Artikel hat lange in mir (und im Backend) geschlummert, er ist mir nicht leicht gefallen: Denn bei diesem Thema, da könnte ich fast literarisch werden „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust…“ Ich glaube kaum, das Mephisto mir aus diesem Dilemma helfen wird. Also teile ich es mit euch. Noch mehr als sonst freue ich mich hier, auf eure Meinungen.

 

Es begann mit einem Plakat

Vor langer, langer Zeit, ich war gerade in die Schule gekommen, gab es in der BRD einen Wahlkampf. Das kommt häufiger mal vor und natürlich habe ich überhaupt keine Erinnerung an diese Wahl bzw. den Kampf zuvor. In diesem, wie auch in anderen Wahlkämpfen, klebten (Spitzen-)Politiker medienwirksam Plakate.

Eines war ganz besonders schön. Und so enstand aus diesem Wahlkampf ein geflügeltes Wort, das es in meiner Wahrnehmung schon immer gibt: „Die Rente ist sicher.“

Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüh klebt 1986 ein Wahlwerbeplakat auf.

Der damalige Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm klebt Wahlplakate zur Rente – schon 1986.

Das Erstaunliche daran ist, dass ich es nie als wirklich ernstzunehmendes Versprechen kennengelernt habe, sondern dass es, solange ich denken kann, maximal ironisch eingesetzt wird.

In meiner Generation geht niemand (den ich jemals getroffen habe) ernsthaft davon aus, dass ihn die staatliche Rente im Alter mehr als maximal „über die Runden“ bringen wird.

 

Wir sind da mehr so: türlich, türlich – sicher digger

Ein total dröger Ausflug in die Mathematik der Rente

Nun ist das deutsche Rentensystem nunmal so gestrickt, dass Auszeiten, ein Lohnerwerb mit reduzierter Stundenzahl oder Minijobs sich massiv negativ auf die Rentenleistung auswirken. Durchschnittlich reduziert Teilzeitarbeit die Rentenansprüche um 40 Prozent. Das ist natürlich gar nicht akzeptabel. Zumindest nicht, solange die Betreuung weiterhin so lückenhaft bleibt, wie sie derzeit ist. Dazu später mehr.

Die Rentenberechnung ist unheimlich komplex. Ganz stark vereinfacht kann man sagen, dass angestellt Beschäftigte für jedes Jahr, das sie arbeiten, einen Punkt sammeln – das kennt ihr von Payback, der Deutschlandcard oder ähnlichen „Bonusprogrammen“. Leider gibt es bei der Rente keine Aktionsgutscheine. Vielmehr wird euer jährliches Gehalt mit dem Durchschnittsgehalt der BRD verglichen. Wenn ihr also nur halb so viel verdient wie der Durchschnittsdeutsche – kriegt ihr auch nur einen halben Punkt. Kinderziehung wird maximal 36 Monate pro Kind (Geburt nach 1992) angerechnet und ein Entgeltpunkt ist derzeit pro Monat 29,21 Euro in Westdeutschland und 27,05 Euro in Ostdeutschland wert.

Von der Freiheit zu wählen

Nun gibt es eine ganze Reihe Eltern Mütter, die nach der Geburt länger als nur die ersten 3 Lebensjahre ihres Kindes aus dem Beruf aussteigen oder nur minimal (max. 20 Std./Woche) zurück kommen. Wenn man die Diskussion in „den Medien“ sowie Blogs ein wenig verfolgt, begegnen einem ganz oft folgende Argumente, wobei ich mich jetzt ganz bewusst nur auf die konzentriere, in denen es um Beruf und Geld geht:

  1. Jede Familie muss die Freiheit haben, individuell für sich zu entscheiden.
  2. (Kinder-)Betreuung muss besser (finanziell) anerkannt werden.
  3. Die Unternehmenskultur ist nicht für Familien gemacht.
  4. So viel, wie Kindergärten kosten, lohnt sich das gar nicht.

Zu Punkt 3 und 4 möchte ich an dieser Stelle gar nichts sagen. Das würde hier den Rahmen sprengen und kommt vielleicht mal an anderer Stelle.

Aber die ersten beiden Punkte fordern mich. Ein Teil von mir schreit: JA! Genau! Jede und jeder so, wie es für sie und ihn passt! Hört auf, euch gegenseitig zu verurteilen! Jede von uns ist anders. Jeder hat eine andere Geschichte und individuelle Umstände. Jedes Kind hat andere Bedürfnisse und Eltern sollten auf jeden Fall die Möglichkeit haben, diese zu erfüllen. Das ist so unglaublich wichtig! Für die Kinder, für die Eltern und schlussendlich auch für uns als Gesellschaft.

Selbstverständlich muss jeder dieser Wege auch anerkannt werden.

Woher nehmen und nicht stehlen?

Aber dann ist da noch die andere Seite: der rationale, buchhalterische und, wie ihr gleich merken werdet, ziemlich egoistische Teil, der fragt: Wer soll das bezahlen?

Klar, Deutschland ist eines der reichsten Länder der Erde und es gibt Ideen wie das bedingungslose Grundeinkommen (von denen ich zu wenig verstehe, um dazu wirklich eine fundierte Meinung zu haben). Schon klar. Mein Problem ist ein ganz anderes, persönliches: Das Geld, welches der Staat ausgibt, kommt aus Steuern (der Großteil übrigens dabei vom Zoll) oder den Versicherungen (Rente, Pflege…).

Ich stehe auf Sozialstaat! Ich mag die Prinzipien unseres Gesundheitssystems. Auch bin ich der Meinung, dass Menschen, die egal aus welchen Gründen gar keine Beschäftigung finden – oder keine, von der sie und ihre Familien leben können – unterstützt werden sollen. Wie schon gesagt: Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt.

Aber womit ich ein echtes Problem habe, ist die Situation, in der Menschen mit einer guten Ausbildung, mit einem Job und der Möglichkeit zu arbeiten, sich aus privaten Gründen dafür entscheiden, nicht zu arbeiten, um dann finanzielle Forderungen an den Staat zu stellen.

Nicht nur gefühlt geht in etwa die Hälfte meines Bruttoeinkommens direkt in die verschiedenen Staatssäckel. Wenn das Geld so ausgegeben wird wie oben: Bitte sehr! Trotzdem weiß ich, dass meine Rente alles andere als sicher ist. Falls ich es mal erfolgreich verdrängt habe, kommt sicher als nächstes der hübsche jährliche Brief der Rentenversicherung und erinnert mich daran.

Wir versuchen die Vereinbarkeit mit Leben zu füllen – weil es uns glücklich macht. Weil es die (Arbeits-)Welt vielleicht ein klitzekleines Stück verändert. Weil wir unseren Töchtern Vorbilder sein wollen. Aber eben auch wegen der Rente (oder der hoffentlich nicht notwendigen Arbeitslosen- und Pflegeversicherung).

Vereinbarkeit ist in Deutschland noch lange nicht einfach – aber sie lohnt sich meiner Meinung und ich bin gerne bereit, meinen Teil zu leisten. Aber ganz ehrlich: Dann möchte ich bitte, dass mein Geld für den Ausbau einer qualitativ hochwertigen (!), flächendeckenden Betreuung genutzt wird, für Ganztagsschulen (am besten auch noch ohne Hausaufgaben – aber das ist wieder ein anderer Blogpost), für durchgehende Ferienbetreuung und/oder Hortplätze, die nicht mit 12 auf einmal wegfallen.

Doch aber bitte nicht an Menschen, die länger als die ersten 3 Jahre Vollzeit für ihre Kinder dasein wollen! Das ist in meinen Augen ausschließlich Privatvergnügen – und dafür hat man bitte auch privat die Kosten und die Folgen zu tragen.

Aber ich wollte doch eigentlich für die Wahlfreiheit von allen sein.

Ja, und jetzt weiss ich auch nicht.

Was sagt ihr?

Hier findet ihr weitere Links rund um die Rente

Infos der Rentenversicherung, wie die Rente berechnet wird.

Die Daten des WDR zur Armutsrente: Berechnungen des Senders zeigten, dass etwa jedem zweiten Bundesbürger eine Rente unterhalb der Armutsgrenze droht.

Und ein ganz aktueller Artikel aus der ZEIT – wenn wir wollen, können (oder müssen) wir auch bald über das derzeitige Renteneintrittsalter hinaus arbeiten.

7 comments on “Zahltag”

  1. Ramona Antworten

    Hallo Jette, hallo Olli,
    ich bin erst kürzlich auf euren Blog gestoßen. Und viele eurer Artikel finde ich sehr gut und lese sie mit großem Vergnügen. Aber über diesen habe ich lange nachgedacht und bin ziemlich perplex. Meine Mutter hat erst wieder angefangen zu arbeiten, als ich zehn Jahre alt war. Und ich bin ihr so unheimlich dankbar dafür, dass sie sich dieses Privatvergnügen, wie ihr geschrieben habt, geleistet hat. Wir haben einfach ganz viel miteinander geredet, waren unterwegs oder haben zu Hause vor uns hingespielt. Sie hat mit anderen Müttern im Ort eine Umbauaktion für unseren Spielplatz organisiert, als wir im Kindergartenalter waren. Mit Papa zusammen hat sie eingeführt, dass es hier ein Nikolauslaufen durch unser kleines Dörfchen gibt. Wenn der Kindergarten zu hatte, weil die Erzieherinnen zur Fortbildung waren, hatten wir immer eine Horde Freunde von uns zu Hause, weil ihre Eltern arbeiten mussten. Mama hat beim Kindergottesdienst mitgearbeitet, hat die Ponyreitstunden für uns organisiert, uns natürlich auch überall hingefahren und dabei immer auch Freunde mitgenommen, die nicht gebracht werden konnten. Sie hat Schulausflüge begleitet und bei einer AG, die außerhalb der Schule stattfand, die zweite Begleitperson gemacht. Jede Woche. Und noch einige Sachen mehr, die mit mittlerweile nicht mal mehr ad hoc einfallen. Noch bei den Chaostagen, die wir nach den Abiprüfungen an der Schule gestaltet haben, hat sie Verkleidungen vorbeigebracht und uns beim Aufbau der Pavillons geholfen.
    Mama und Papa haben sich die Verdienst- und Renteneinbußen geleistet, weil es ihnen wichtig war, dass wir von Mama betreut werden. Aber das war wirklich nicht nur Privatvergnügen unserer Familie. Viele andere Familien aus unserer Umgebung haben davon profitiert. Und so wie Mama gibt es viele Elternteile, die tolle Sachen organisieren und sich dafür einsetzen, dass ihre Kinder behütet aufwachsen. Ich finde, auch diese Wahlfreiheit sollte honoriert werden. Vor allem mit der Anerkennung, dass diese Eltern etwas Wichtiges für die Gesellschaft tun.
    Ganz liebe grüße von Ramona

    • Admin Antworten

      Liebe Ramona,
      bitte entschuldige das späte Freischalten und Antworten. Die Benachrichtigungen sind irgendwie perdü gegangen und wir waren in letzter Zeit mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Ich verstehe deine Anmerkung total berechtigt. Auch meine Mama war lange zuhause und vieles an Deiner Geschichte kommt mir bekannt vor. Bei Ollis Mutter ist es ganz ähnlich. Es geht mir auch nicht um die Wahlfreiheit. Die soll bitte jeder haben. Aber wenn ich einen Rentenbrief bekomme, in dem steht, dass ich trotz Vereinbarkeitsstress, 2 Euro 50 an monatlicher Rente bekomme, dann macht mich das sauer. Und dann werde ich so egoistisch, dass ich nicht noch die Rente für diejenigen mitzählen möchte, die – obwohl sie gekonnt hätten – nicht eingezahlt haben. Da hört meine Solidarität leider auf. Was ich selbst bedauerlich finde, denn ich sehe, dass das Engagement dieser Eltern wichtig und notwendig ist. Ich stecke hier selbst in einem Dilemma, aus dem ich nicht so recht raus weiß…
      Liebe Grüße
      Jette

  2. Pingback: Yes we can Vereinbarkeit - Halbe Sachen

  3. jongleurin Antworten

    Na ja, Wahlfreiheit ist so eine Sache. Ich finde die tatsächlich nicht gut, besonders vom politischen Standpunkt aus, weil dann genau das heraus kommt, was wir jetzt schon haben: unterschiedliche Maßnahmen, die sich gegenseitig widersprechen und dann dazu führen, dass keine Wahl für niemanden wirklich gut ausgeht. So viele Fallen entstehen dadurch: Wer Jahre zu Hause bleibt und vom Ehegattensplitting profitiert, guckt nach der Scheidung extrem dämlich, wenn es um Unterhalt und Rentenpunkte geht. Wer früh wieder arbeiten geht, muss sich mit niedrig bezahlter Frauenarbeit herumschlagen, unflexiblen Arbeitszeiten, bekloppten Kita-Öffnungszeiten und witzloser Besteuerung, wenn man nicht gerade verheiratet ist. Bei Wahlfreiheit ist leider keine Wahl eine gute Wahl. Das Betreuungsgeld war ja auch so Wahlfreiheits-Sache.
    Ich bin für EIN Leitbild, das die Politik dann konsequent umsetzt. Das bringt mehr Sicherheit und die Leute wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie dem Leitbild entgegentreten. In so vielen Ländern ist das Realität, von den USA – alle bitte möglichst viel arbeiten, der Staat gibt nüscht dazu, und schon mal gar keine Kinderbetreuung – über Skandinavien – alle bitte arbeiten, gerne so mittelviel, der Staat finanziert alles, um das möglich zu machen, und gibt sein Bestes, die Unternehmenskultur familienfreundlich zu machen – bis hin zu den südlichen Ländern – hier bleibt die frau zu Hause, danke, Punkt. Überall ist die Geburtenrate höher, es scheint also familienfreundlicher zu sein.
    Persönlich wäre ich für ein Leitbild, das dem skandinavischen entspricht. Ich habe tatsächlich wenig Verständnis für Menschen, die jahrelang zu Hause bleiben und sich abhängig machen – egal, wie doll sie sich das wünschen. Ich verstehe es einfach nicht. Da bin ich bekennend ignorant.

    • Jette Antworten

      Liebe Jongleuren, das ist ein interessanter Gedanke, den ich so noch nie hatte. Also plädierst du quasi für eine Leitlinie – und alle anderen Wege sind persönlicher Spaß und dafür bist du dann auch persönlich haftbar? Ich werde da noch ein bisschen drüber nachdenken, ob ich dem so folgen kann.
      Danke für Deine Meinung (und wie bei Sophie: Bitte entschuldige die späte Freigabe). Liebe Grüße

  4. Sophie (Kinder haben ...und glücklich leben) Antworten

    Liebe Jette, ich kann dich sehr gut verstehen. Aus ähnlichen Gründen fand ich immer das Betreuungsgeld aka Herdprämie zum Kotzen. „Faule“ Mütter (ich übertreibe jetzt mal bewusst ;)) sollten auch noch dafür bezahlt werden, Zuhause zu bleiben? Während ich mich zwischen Kind und Job abrackere und obendrauf teure Betreuungskosten zahlen muss? Das fand ich einfach unfair. Nachzulesen hier: http://kinderhaben.de/284/

    Mit der Rente ist es ja ein ähnliches Ding. Ich kenne mich da nicht so gut aus, daher will ich da jetzt nicht so tief mit Halbwissen einsteigen. Generell finde ich es aber eine Katastrophe, dass weder kinderbedingte Teilzeitarbeit noch komplette Auszeiten besonders günstig angerechnet würden. Gleichzeitig fände ich es wieder unfair, wenn z.B. Auszeiten ebenso stark honoriert würden wie Teilzeitarbeit.

    Irgendwie bin ich also immer der Meinung: Eltern, die arbeiten, sollten eigentlich immer finanziell im Vorteil sein. Denn immerhin zahlen sie noch in die Staatskasse ein. Das Grundproblem sind meiner Meinung nach die hohen Betreuungskosten, die jede Kommune auch noch selbst festlegen darf. Kostenlose Betreuung müsste einfach an erster Stelle stehen.

    • Jette Antworten

      Liebe Sophie,
      danke für deine Worte und deine Meinung. Ich kann deinen Gedankengang gut nachvollziehen. Wobei ich finde, dass es in den ersten 3 Lebensjahren des Kindes eine volle Wahlfreiheit geben muss.
      Und entschuldige die späte Freigabe – WordPress und ich hatten einen Diskurs über die Notwendigkeit der Benachrichtigung. 🙁
      Liebe Grüße

Kommentar verfassen