Kinderteller daheim – ja oder nein?

Letzten Sonntag stand ich am Herd und forderte mein Glück förmlich heraus: Ich kochte eine Reis-Gemüse-Pfanne. Die ersten Eltern schlagen jetzt vermutlich schon die Hände überm Kopf zusammen: Reis und Gemüse in einer Pfanne! Tatsächlich überlegte ich auch, ob ich noch ganz bei Trost sei. Zum ersten Mal tat ich dies, als ich Zwiebeln anbriet, zum zweiten Mal als ich Kräuter unter das Gemüse hob. Aber ich hatte da Lust drauf. Ich fragte mich: Wie machen das wohl andere Eltern?

Und weil wir ja alle immer permanent on sind, griff ich schnell zum Handy und schickte folgende Worte in die weiten des Internets:

Alles kleine Suppen-Kaspars?

Besagte Gemüsepfanne im rohen Zustand: Mit ekligen Zwiebeln und sicherlich todbringender Zucchin

Was soll ich sagen: Das Thema Essen scheint auch über die Beikosteinführung hinaus ein echter Prüfstein für Eltern zu sein. Ich denke, wir alle kennen die Geschichte vom Suppen-Kaspar, oder? Diesem wohlgenährten Jungen, der innerhalb weniger Tage verhungert, weil er seine Suppe nicht essen mag.* Eltern geraten einfach schnell in Sorge, wenn der Nachwuchs die Nahrungsaufnahme verweigert. Sie wollen offenbar einfach nicht verstehen, dass das Lieblingsessen von letzter Woche heute einfach absolut ungenießbar ist. Oder dass püriertes Gemüse einfach komplett anders schmeckt, als in seiner ursprünglichen Form.

Binnen 48 Stunden wurde der Tweet von über 2.300 Leuten gesehen und ich bekam 46 Antworten. Das ist jetzt nicht mein normaler Impact auf Twitter. Daraufhin wiederholte ich meine Frage auf unserer Facebook-Seite. Hier gab’s zwar deutlich weniger, aber naturgemäß ausführlichere Kommentare. Schaut mal vorbei. Ich habe mir mal den Spaß gemacht, dass ganze pseudo-statistisch auszuwerten.

Und weil ich so schön dabei war, dachte ich: Vielleicht interessiert euch das auch? Wovon ich jetzt mal ausgehe, wenn ihr bis hierhin gelesen habt. Was kam also raus?**

Eine (beinahe) total valide, statistische Erhebung

Etwa ein Viertel der Eltern, die geantwortet haben, nehmen viel oder sogar immer Rücksicht auf die Vorlieben ihrer Kinder oder kochen Alternativen, bzw. „Kinder-Trennkost“. So habe ich es genannt, wenn nix vermischt wird, wie bei meiner eingangs erwähnten Reispfanne, sondern die Sachen separat auf den Tisch kommen. Beispielhaft hierfür der Tweet von Siwli:

Ein äußerst professionelles Datenblatt – zur besonderen Erheiterung meiner ehemaligen Kommilitonen.

Meistens wurde das mit sehr mäkeligen Essern begründet, die sonst einfach vom Tisch aufstehen mit der Aussage, sie seien satt. Zwei Mütter verwiesen auf schlechte Erinnerung an die eigene Kindheit, in der sie am Tisch sitzen bleiben mussten, bis aufgegessen worden war.

Ein weiteres Viertel der Antwortgeber nimmt wenig oder keine Rücksicht auf die lieben Kleinen. Entweder, weil eben diese gar nicht mehr so klein sind – oder erst so klein, dass sie sowieso noch alles essen. Als weiterer Grund wurde genannt, dass in der Vergangenheit zu oft auch das eigentlich abgestimmte und gewünschte Essen bemängelt und nicht gegessen wurde.

Die Keine-Rücksicht-Fraktion, wie ich sie hier einmal überspitzt nenne, geht argumentativ übrigens ziemlich Hand in Hand mit den Eltern, die darauf bestehen, dass probiert wird, aber bei absolutem Nicht-Mögen Alternativen wie Brot, Rohkost oder Obst anbieten. Das machen immerhin 18 Prozent der „Befragungsteilnehmer“.

Separat habe ich die Antworten erfasst, bei denen zwar eigentlich „normal“ gekocht wird, aber bewusst nicht scharf gewürzt oder auf Alkohol verzichtet wird. Das waren noch mal knapp über 10 Prozent.

Immerhin 12 Prozent der Eltern behelfen sich mit einem Wochenplan oder kochen gezielt mindestens einmal pro Woche das Wunschessen der Kinder. Naja, oder sie versuchen es…

Naja, und dann gibt es doch die „Mal so, mal so“-Fraktion oder die, bei der die Kinder mitbestimmten (s. weiter unten). Und weil es keine echte Erhebung ist, wenn es keine Grafik gibt, hier das ganze noch mal in hübsch bunt und mit zugespitzter Benennung:

Das Essen im Hause Halbe Sachen

Hier sehen wir das ungefähre Maximum an „separat Kochen“, das hier so üblich ist. Beispiel von heute Abend.

Bei unseren Kindern ist es so, dass die Erstgeborene eine Brei-Hasserin war (und breifreie Beikost kannte ich noch nicht). Erst als wir sie haben alles essen lassen, war sie glücklich. Dann hat das Kind aber wirklich alles gegessen. Zu ihren Leibspeisen gehörten schwarze Oliven, Fisch in jeder Form und Käse – je stinkiger desto besser. Ab ihrem vierten Geburtstag nahm das rapide ab und sie aß wochenlang nur Nudeln mit Butter. Da sie allerdings im Kindergarten gut und ausgewogen gegessen hat und immer noch isst (außer es gab/gibt Pizza)***, nehmen wir das meistens so hin. Inzwischen wird es wieder etwas besser. Die kleine Tochter ist in dem Alter, dass sie das meiste noch isst.

Von den oben genannten Kategorien gehören wir inzwischen zu der Probieren aber mit Notfall-Alternative. Wirklich separat zu kochen, dazu sind wir meistens zu faul.

Beide Kinder helfen total gerne beim Kochen. Vielleicht sollten wir daher die Anmerkung von TollaBea zukünftig noch etwas stärker beherzigen (mit der Einschränkung auf Salz, dass vor allem Zweihalb total gerne in den Topf schmeisst):

Das Schlusswort überlasse ich der wunderbaren Julia, die schrieb:

Denn DAS kann ich total gut verstehen!

Wie ist das bei Euch? Fehlt euch noch was an dieser Aufzählung oder habt ihr Anmerkungen? Bitte, immer her damit!

Ein weiterer Zwischenschritt zu der besagten Reispfanne: Ich hab auch noch Kräuter dran gemacht! Und wisst ihr was: Es hat allen Kindern geschmeckt (okay, die Zucchini wurden von einer Tochter herausgeholt, aber hey, die waren ja auch todbringend)!

 

NACHTRAG: Ich wurde soeben über Twitter darauf aufmerksam gemacht, dass es im letzten Jahr dazu eine Blogparade bei Mama on the rocks gab. Die war an mir vorbei gegangen und eigentlich war das hier ja auch gar nicht so geplant. Aber da hier auch viele spannende Beiträge zusammengesammelt wurden, verlinke ich Euch mal die Auswertung, zur weiteren Lektüre.

 

*Spannend hierzu übrigens der Artikel bei Wikipedia, der die Geschichte ganz anders interpretiert, als ich: Wo ich nämlich die Geschichte als eine schreckliche hartherzige Erziehungsmethode aus dem vorletzten Jahrhundert sehe, sieht der Artikel den ersten literarisch verarbeiteten Magersüchtigen. Zum Wahrheitsgehalt kann ich keine Einschätzung geben, aber die Lesart fand ich spannend.

** Und wer es ganz genau wissen will: n=59. Wobei ich die Argumente aufgedröselt habe und somit eine Antwort bei mehreren Argumenten zählen konnte. Die Statistiker nennen das auch Mehrfachnennungen. Für die Ganzganzgenauen: Nein, natürlich sind das keine trennscharfen Kategorien und ich habe auch kein Code-Buch erstellt.

*** So gesehen, ist sie ein echt merkwürdiges Kind: Sie verweigert Pizza und Burger. Zum Glück mag sie Würstchen und Pommes, sonst müsste man sich ja wirklich Sorgen machen.

6 comments on “Kinderteller daheim – ja oder nein?”

  1. Little B. Antworten

    Zur ersten Fußnote:
    Heinrich Hoffmann, der Autor vom Struwwelpeter, war Frankfurter Psychiater und hat in dem Busch Geschichten aus seinem klinischen alltag „verarbeitet“ bzw. für seinen Sohn (?) aufbereitet. Von daher ist die Sache mit der Magersucht nicht abwegig.

  2. SilkeAusL Antworten

    Ich denke immer „wenigstens essen sie im Kindergarten was Vernünftiges“, wenn beim Abendessen mal wieder alles „IBäh“ ist ?…

    Am Liebsten hier: Rohkost, Pudding, Schokolade ?

    LG Silke

  3. Carola Antworten

    Ich mag deine Umfrage 🙂
    Wir sind auch die „Probieren & Notfallalternativen“ Fraktion. Man fragt sich ja manchmal doch, ob man eigentlich die Einzige ist, deren Kinder ständig an irgendwelchen Teilen des Essens herummäkeln. Bei uns gibt es ein paar Lebensmittel, die mögen die Kinder gar nicht. Dazu zählt bei der Älteren z.B. Reis. Dann koch ich direkt schon ein paar Nudeln mit. Bei Risotto darf sie sich ein Brot machen. Aber deswegen koche ich die Dinge trotzdem weiter. Verzichten möchte ich nicht, weil es jemand anderem nicht schmeckt. Dafür gibts aber auch Tage, an denen es „Kinderessen“ gibt, was wir Erwachsene dann nicht so gerne mögen.

    Inzwischen kochen die Kinder mit mir zusammen. Da wird „schmeckt mir nicht“ irgendwie automatisch weniger, seit sie wissen was im Essen drin ist.
    LG
    Carola

    • Jette Antworten

      Zusammen Kochen ist voll toll! Das hilft (manchmal). Wobei sich hier auch schon mal das Essen ganz radikal geschmacklich verändert, auf den drei Metern vom Herd zum Tisch. Aber nu – meistens haben sie dann schon genug Rohkost beim Kochen genascht… 🙂

  4. kinderhabenblog Antworten

    Schöne „Studie“! 😉 Das Hübchen isst ja zum Glück recht unproblematisch und ich biete aus Prinzip keine Trennkost an. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass selbst mäkelige Kinder bei mir am Tisch iiiirgendwann doch mal probieren und es dann auch fast immer mögen (eben so Sachen wie du auch kochen magst: Reispfanne, Nudelpfanne, Lasagne usw., also schon Sachen, die Kinder grundsätzlich mögen). Ich glaube also einfach mal, dass man sich mit Trennkost vielleicht auch erst recht die mäkeligen Esser erzieht. Aber da kann ich ja gut reden, weil mein eigenes Kind ja nicht so mäkelig ist. 😉

  5. Anna Antworten

    Ich glaub, ich gehöre zur Probieren&Alternativen-Fraktion. Und seit ich die Erkenntnis hatte, dass ich, wenn ich mitessen verlange und keine Alternative anbiete, ja auch selbst Milchreis, Grießbrei, Semmelschmarrn und Co. mitessen müsste, bin ich nochmal deutlich milder geworden. 😉

    Wobei das Kind jetzt auch schon groß ist. Was tatsächlich öfter Thema war waren nicht nicht-schmeckende Lebensmittel, sondern echt gut schmeckende vs. okaye. Also sowas wie: Muss man echt die Kartoffeln zum Schnitzel essen? Warum muss Brot sein, von Käse pur wird man doch auch satt? Die Soße schmeckt nur so mittel gut, kann man nicht doch Ketchup zu den Nudeln essen? Ist es wirklich nicht in Ordnung, sich von Tomate & Mozzarella nur den Mozzarella rauszupicken?

    Das fand ich oft viel nerviger als ein echtes „Schmeckt mir nicht!“.

    VG, Anna

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