ElterngeldPlus – Theorie und Praxis nach 6 Monaten

Weil das hier ein Hobby bleiben soll, bringen wir das Geld wieder unter's Volk. Wie erfahrt ihr unten.

Vor einem halben Jahr wurde das ElterngeldPlus eingeführt: Explizites Ziel war und ist es, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf von Anfang an zu erleichtern. Unsere Töchter sind beide älter. Die Einführung des Elterngeld Plus haben Jette und ich also zur Kenntnis genommen – aber nicht genauer verfolgt. Hängen geblieben ist bei mir nur: Es wird viel mehr möglich. Von Freunden mitgenommen habe ich: Es ist alles furchtbar kompliziert. Grund genug, sich das mal genauer anzuschauen – in der gesetzlichen Theorie und in der Praxis der Eltern, deren Kinder nach dem Stichtag geboren wurden/werden.

Dieser Beitrag wurde unterstützt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Part I: Die Theorie

Generation Vereinbarkeit – eine kurze Geschichte des Elterngelds

Wusstet ihr, dass wir die „Generation Vereinbarkeit“ sind? Sagt zumindest Manuela Schwesig, Bundesministerin für Familie und Co. in ihrer Broschüre zum ElterngeldPlus. Aber offensichtlich ist ihr (und ihren Vorgängerinnen) auch bewusst, dass wir vermutlich eher die „Generation, die gerne Familie und Beruf vereinbaren würde, aber unter anderem an Bürokratiehürden scheitert“ sind. Deshalb hat sich das Ministerium überlegt, wie es besser laufen könnte. Und man ist auf das Elterngeld gekommen.

Das „alte Elterngeld“ oder Basiselterngeld, wie es inzwischen heißt, können Eltern seit 2007 beantragen. Es soll die Einkommenseinbußen, die junge Eltern erleben, etwas abfedern. Im Gesetzentwurf der CDU/CSU und SPD 2006 heißt es wörtlich, dass das Elterngeld nötig sei, „um den veränderten Lebensentwürfen von Frauen und Männern gerecht zu werden, den Menschen mehr Mut zu mehr Kindern zu machen“.

Diese Elterngeldmöglichkeiten gibt es seit Juli 2015

Die finanziellen Nöte junger Familien sollen durch das Elterngeld gemindert werden.

Das Elterngeld sollte „mehr Mut zu mehr Kindern“ machen – so stand es im Gesetzentwurf.

Das „alte Elterngeld“ heißt nun Basiselterngeld. Hier ändert sich nichts. Weiterhin kann ein Elternteil bis zu zwölf Monaten das Elterngeld beantragen (bei Müttern wird es mit den Zahlungen der Krankenkasse während des Mutterschutzes verrechnet). Nimmt das andere Elternteil auch mindestens zwei Monate Elternzeit verlängert sich der Auszahlungszeitraum auf 14 Monate.

ElterngeldPlus OHNE Zuverdienst: Aus einem Basiselterngeld-Monat werden zwei Monate ElterngeldPlus. Aber bevor ihr euch jetzt zu früh freut: Das Geld von Vater Staat ist dann nur halb so viel, dafür aber doppelt so lang – logisch oder? Das gab’s zwar vorher auch – war aber ziemlich unbekannt und hat kaum jemand gemacht.

ElterngeldPlus MIT Zuverdienst Man darf auch während des Bezugs von Elterngeld arbeiten gehen. Auch das ging vorher. Allerdings macht das ElterngeldPlus es einfacher. Vor dem 1. Juli war eine berufliche Tätigkeit während des Elterngeldbezugs de facto immer ein finanzielles Verlustgeschäft auf Seiten des Elterngelds. Nun ist es eine „schwarze Null“ wie unser Finanzminister sagen würde.

Darf’s ein bisschen mehr sein? Der Partnerschaftsbonus

Wirklich neu ist die Möglichkeit der sogenannten Partnermonate – dadurch können vier weitere Monate Elterngeldleistungen in Anspruch genommen werden (und zwar durch beide Elternteile). Das gilt aber nur, wenn BEIDE Elternteile in diesen vier Monaten mindestens 25 und maximal 30 Stunden arbeiten.

Part II – die Praxis

Nun sind unsere Kinder beide vor dem Stichtag geboren und wir verfügen über keinerlei praktische Erfahrung mit dem ElterngeldPlus. Wir haben daher zwei Paare, die sich ganz aktuell auf die Suche nach dem für sie passenden Elterngeld begeben haben, nach ihren Erfahrungen befragt.

Fall 1: Hauptsache lange „unabhängig“

Ahörnchen und Behörnchen (die Namen wurden auf Wunsch geändert) mussten mit beiden Elterngeld-Varianten rechnen, da ihr Kind rund um den Stichtag 1. Juli geboren werden sollte. Während Ahörnchens Schwangerschaft hörten wir daher immer wieder mal verschiedene Möglichkeiten, wer wann wie zuhause bleibt oder arbeitet. Als das Baby dann da war, haben wir uns über andere Dinge unterhalten. Jetzt haben wir noch mal genauer nachgefragt: Wofür habt ihr euch entschieden und warum?

„Es hat schon mehr als einen Abend gedauert, bis wir verstanden hatten, wie das alles funktioniert, wo die Unterschiede zwischen ‚alt’ und ‚neu’ liegen“, fasst Ahörnchen zusammen. „Wirklich schwierig ist, dass man sofort alles beantragen muss. Häufiger haben wir gelesen, dass man das so detailliert wie möglich beantragen soll. Also bei Teilzeit nicht nur, wie viele Stunden pro Woche, sondern am Besten auch, wie die sich aufteilen sollen. Das fanden wir total schwierig: Wir hatten doch noch kein Kind und keine Ahnung, wie das alles so wird.“

Tatsächlich hat ihre Tochter in der ersten Juliwoche das Licht der Welt erblickt und somit war die junge Familie ElterngeldPlus-berechtigt. Hier das Beispiel, wie sie sich das Elterngeld aufteilen:

Die Aufteilung von Ahörnchen und Behörnchen. Das U steht übrigens für Urlaub/Gleitzeit

Die Aufteilung von Ahörnchen und Behörnchen. Das U steht übrigens für Urlaub/Gleitzeit.

Behörnchen erklärt dazu: „Wir wussten, dass es bei uns in der Stadt viel zu wenig Krippenplätze ab einem Jahr gibt.

Da wir keine Großeltern in der Nähe haben, war es für uns am allerwichtigsten die Kleine so lange wie möglich ohne fremde Unterstützung betreuen zu können.

Das war auch definitiv die richtige Entscheidung. Als ich nach der Geburt auf dem Amt war, sagte man mir, dass sie für das Kindergartenjahr 2016/2017 mit 50 freien U3-Plätzen rechnen – bei schon da über 100 Anmeldungen.“

„Wir haben lange überlegt, ob ich nach einem halben Jahr wieder Teilzeit einsteige. Aber ich brauche mindestens 40 Minuten zur Arbeit. Ohne fremde Betreuung wäre das nicht möglich gewesen. Und ohne Teilzeit nur das Elterngeld Plus war zu wenig“, ergänzt Ahörnchen. In den Partnermonaten teilen sie sich tageweise auf – und hoffen, dass sie doch noch ab September einen Krippenplatz kriegen. Wir drücken  mit ihnen die Daumen!

Fall 2: Selbständig heißt eben selbst und ständig

Nora und ihr Mann Julian warten gerade täglich auf die Ankunft ihres ganz persönlichen Christkindes (und wir ganz aufgeregt mit ihnen). Um die werdenden Eltern (und uns) ein wenig abzulenken, haben wir sie um Einblick in ihre Entscheidungsfindung zum Elterngeld gefragt.

Bei Nora und Julian begegnen wir der Kombination aus Festanstellung und Selbständigkeit. Daher war von Anfang an klar, dass Julian nicht über einen längeren Zeitraum völlig aus dem Job aussteigen kann. Mit jeder Menge Fragen fütterten die beiden also relativ früh das Internet. „Aber da haben wir dann ebenso schnell kapituliert. Basis Elterngeld, ElterngeldPlus, Partnerschaftsbonus… Wo liegen da die Vor- und Nachteile?“

Antworten fanden die beiden in ihrer örtlichen Elterngeld-Beratungsstelle: Über eine Stunde wurden beide umfassend beraten. Mit diesem Wissen haben die beiden in den kommenden Wochen mit dem Elterngeldrechner „herumgespielt“. Ihre Lösung sieht jetzt wie folgt aus:

Nach viel Rechnerei planen Nora und Julian mit 22 Monaten Elterngeld.

Nach viel Rechnerei planen Nora und Julian mit 22 Monaten Elterngeld.

Nora begründet die Entscheidung der beiden: „Wir waren uns immer einig darin, dass ich den Löwenanteil der uns zur Verfügung stehenden Elternzeit in Anspruch nehme. Zum einen, weil ich mir nach zehn Jahren im Job eine längere Auszeit durchaus wünsche. Zum anderen, weil mein Mann ein Arbeitstier ist und er sich als Führungskraft aus den laufenden Prozessen nur sehr schwer rausnehmen kann/will – aber eben durch seine Selbständigkeit ohnehin sehr frei und flexibel über seine Arbeitszeiteinteilung entscheiden kann.

Die Idee, meine Elternzeit mit dem ElterngeldPlus etwas zu strecken, fanden wir spannend. Wir haben uns das dann aber auch sehr genau durchgerechnet, ob wir mit dem halben Elterngeld hinkommen.

Dass auch mein Mann das ElterngeldPlus in Anspruch nimmt, hat schlicht den Grund, dass wir damit die Zeit verlängern, die ihm für das weniger Arbeiten zur Verfügung steht – wir wollen in den vier Monaten mindestens einen größeren Familienurlaub machen.“

 

Ja und nun? Unser Fazit

Elterngeld Plus ist am Anfang echt kompliziert - aber Kinder auch. Von daher ist es ein gutes Training.

Es dauert lange bis Kinder auf eigenen Beinen stehen: Mit dem Elterngeld wird der Start ins Familienleben finanziell etwas vereinfacht.

Wenn ein Gesetzt Flexibilität ermöglichen will, muss es zwangsläufig kompliziert werden, um alle Eventualitäten abzudecken und so ist auch unser Fazit ein gemischtes: Grundsätzlich finden wir es gut, dass mit dem ElterngeldPlus mehr Familien ihr ganz individueller Weg ermöglicht wird. Die bessere Verrechnung von Teilzeitarbeit mit dem Elterngeld und die Ausweitung der Partnerschaftsmonate ermutigt vielleicht hoffentlich auch mehr Väter, in den ersten Monaten ihres Kindes beruflich etwas kürzer zu treten.

Und das wäre dann der dritte Grund, warum wir das ElterngeldPlus gut finden: Je mehr insbesondere auch Männer wenigstens mal ein paar Monate Teilzeit arbeiten, umso mehr gewöhnen sich Kollegen, Arbeitgeber, Kunden und Co. daran.

Aber die vielen Möglichkeiten machen das Elterngeld echt komplex. Wir haben in unseren Schwangerschaften „mal eben“ einen Abend die Eckpunkte geklärt und an einem zweiten den Papierkram vorbereitet. Beim Rumfragen im Vorfeld des Artikels, war das aktuell für kein Paar so schnell erledigt.

Hinzu kommt: Wenn beide Eltern mindestens 25 Stunden die Woche arbeiten gehen wollen/müssen, muss das Kind in den meisten Fällen dementsprechend früh in die Betreuung gegeben werden. Unsere persönliche Erfahrung ist hier leider: Je jünger das Kind, desto schwieriger ist es, einen guten (!) Betreuungsplatz zu finden. Wir hatten schon mit unseren (über) Einjährigen echt Sorgen.

Es bleibt also abzuwarten, wohin die Reise mit dem ElterngeldPlus geht und wie viele Familien die neuen Leistungen in Anspruch nehmen. Kooperation hin oder her: Wir haben Interesse am Thema gefunden und werden es sicherlich nochmals aufgreifen. Spätestens wenn erste Zahlen dazu vorliegen, wieviele Eltern das ElterngeldPlus nutzen, ob der Partnerschaftsbonus in Anspruch genommen wird, und wie sich das auf die Elternzeit der Väter auswirkt.

Was glaubt ihr: Macht das Elterngeld wirklich „mehr Mut zu mehr Kindern“?

 

Nützliche Links

Alle Informationen zum Elterngeld, inkl. einer Suche zur nächsten Elterngeldberatungsstelle findet ihr hier: www.elterngeld-plus.de

Hier der direkte Link zum Elterngeldrechner – wenigstens für unsere vier Freunde aus den Beispielen das wichtigste Tool bei der Entscheidungsfindung.

Eine sehr amüsante Übersicht, inkl. Beispielsrechnungen gibt es auch bei der Juramama.

Die wunderbare Smart Mama hat eine ganze Kategorie zum Elterngeld: inklusive dreiteiligem Crashkurz in Sachen Elterngeld Plus.

Und ganz aktuell hat sich Johnny vom Weddinger Berg die Möglichkeiten des ElterngeldPlus für Selbständige angeschaut.

8 comments on “Sechs Monate ElterngeldPlus – Theorie und Praxis”

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  4. Katrin Antworten

    Inwiefern sich Elterngeld Plus lohnt und wer dies am Ende in Anspruch nimmt, muss man sich von Fall zu Fall anschauen. Anfangs war es sicherlich mehr als kompliziert, mittlerweile besteht auch einfach die Erfahrung, so dass es für viele auch einfacher ist sich dafür oder dagegen zu entscheiden.

  5. Suse- Ichlebejetzt! Antworten

    Unser erstes Kind bekamen wir kurz vor Einführung des Elterngeldes, dann wurde es kompliziert.
    Ob es jetzt einfach ist sich die Betreuungsaufgaben zu teilen weiß ich nicht. Ich hoffe es für werdende Eltern.
    Der Punkt ist, daß nach wie vor Betreuung und Familenarbeit nicht als solche gesehen wird. Im Staate Deutschland bist Du nur etwas, wenn Du dementsprechend Geld für Deine Arbeit bekommst…

    • Jette Antworten

      Das stimmt – egal ob es um die Betreuung der ganz junge oder ganz alten Menschen geht. Da ich sowohl grenzenlos optimistisch als vermutlich auch ziemlich naiv bin, hoffe ich, dass sich das zukünftig ändert. Denn noch führt die Zeit, die man mit der Betreuung seiner Angehörigen verbracht hat (egal ob jung oder alt) immer noch viel zu häufig zu Altersarmut.

  6. Pingback: Vereinbarkeit – was soll das eigentlich sein? - Halbe Sachen

  7. Katja Antworten

    Ich finde diese Berechnung wahnsinnig kompliziert und habe es mir noch nicht im Detail angeschaut, aber für uns wäre das eine Option gewesen – insbesondere für mich. Als 2012 der Kleine da war, hätte ich theoretisch ein wenig arbeiten können – aber die Tatsache, dass ich dann einen Teil des Elterngeldes hätte zurückzahlen muss, hat mich abgeschreckt. ElterngeldPlus hätte mir also ermöglicht, ein wenig zu arbeiten, ohne „Angst“ vor einer Rückzahlung, das Büro offiziell nicht für ein paar Monate dichtzumachen (und so im Gedächtnis der Kunden zu bleiben) und dennoch ein kleines festes „Einkommen“ zu haben, um die Tatsache, dass man nun mal mit einem Säugling weniger arbeiten kann, aufzufangen. Schade, dass es für uns zu spät kommt!

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