Einfach war mein Leben nie – ein Gastbeitrag

Da war die Welt noch in Ordnung - wenigstens aus meiner Sicht.

Da war die Welt noch in Ordnung – wenigstens aus Jettes Sicht.

Einfach war mein Leben nie! Als Zweitgeborener musste ich unter der tyrannischen Herschafft meine Schwester ständig um mein Überleben kämpfen. Bevormundet und betrogen wurde ich des Öfteren von ihr. Ein Wunder, dass ich die ersten Jahre überstand. Schön früh musste ich lernen, mich vor tieffliegendem Spielzeug in Acht zu nehmen. …

Mehrere Dinge segneten im Laufe unseres gemeinsamen Lebens das Zeitliche, darunter einige Plastiktischchen, das „gute Ostfriesenporzellan“ und diverse Kleinteile. Am eindrucksvollsten jedoch zerstörten wir drei Türen. Zweimal war es die Haustür, in die eine große Glasscheibe aus Sicherheitsglas eingelassen war. Einmal stand meine Schwester draußen und wollte rein, einmal ich.

Jedes Mal endete es damit, dass der Glaser die Scheibe wechseln musste. Verletzte gab es aber – dank des besagten Sicherheitsglases – nicht.

Das dritte Mal, dass wir eine Tür zerstörten, ereignete sich erst Jahre später – dafür umso spektakulärer. Hierzu muss ich etwas weiter ausholen.

Da unsere Eltern nie sonderlich viel Wert auf das Medium Fernsehen gelegt haben (sie waren tatsächlich der Meinung, dass Kinder draußen spielen sollten anstatt ihre Zeit vor Amiga und TV zu verbringen) erhielt ich meinen ersten eigenen Fernseher mit 19 Jahren.

Da war meine Schwester schon lange ausgezogen.

Soll heißen: Bis dahin gab es in unserer Familie nur einen einzigen Fernseher! Ein Gemeinschaftsgerät vor dem sich die Familie versammelte, wenn am Montagabend Heinz Seelmann seine neuesten Tierfilme zeigte. Leider setzt ein solches Gemeinschaftsgerät voraus, dass man sich abstimmt, wer was sehen möchte und dann auch noch wann er oder sie es sehen will. Ein zustand der gewisse Probleme mit sich bringen kann.

Es begab sich nun also eines schönen Abends als die Eltern das Haus verlassen hatten, dass ich es mir gerade vor besagtem TV-Gerät bequem gemacht hatte, um einen wichtigen, wenn nicht sogar lebensnotwendigen Film zu sehen, ohne den meine Entwicklung bestimmt Jahre zurückgeworfen werden würde.

Wie der Film hieß, weiß ich nicht mehr.

Ist auch nicht so wichtig, denn noch währen die letzten Klänge der Tagesschau im Raum hingen, folg die Tür auf und meine Schwester kam schwungvoll herein – mit den Worten: „Ich will meinen Film gucken!“Logischerweise unterschied sich ihr Film von meinem. Auch wenn es nicht so klang als ob ein Wiederspruch geduldet werden würde, nahm ich meinen Mut zusammen und sagte: „Nein, hier bin ich jetzt! Und ich freue mich schon den ganzen Tag auf diesen Film“.

Ignorierender Weise ließ sie sich davon nicht beeindrucken, schwebte rüber zum SAT-Receiver und schaltete per Knopfdruck zu ihrem Film. Der Macht der Fernbedienung in meiner Hand voll bewusst, nutze ich diese und schaltete wieder zurück. Das Spiel wiederholte sich, diesmal steigerte sich aber der Schwierigkeitsgrad – indem sie den Empfangssensor mit der Hand blockierte. Auch das Argument „Ich war zuerst hier!“ half nicht.

Allerdings einen Film zu gucken, dabei auf der Lehne eines Sofas zu sitzen, mit der einen Hand sich abstützend und mit der anderen Hand ständig einen Sensor blockieren zu müden war irgendwie nicht das, was sich meine Schwerer unter ‚gemütlich einen Film gucken‘ vorstellte. Somit gab sie nach fünf Minuten auf und zog wutschnaubend ab.

Siegessicher entspannte ich mich schon wieder, da flog erneut die Tür auf. Schnurstracks marschierte meine Schwester zum SAT-Receiver, schaltete ihn aus, drehte das Antennenkabel raus, entfernte Scart- und Stromstecker und verschwand mitsamt dem Receiver in ihrem Zimmer.

Gelähmt von der Tatsache, dass sie tatsächlich soooo dreist war und von der Verwunderung darüber, dass sie wusste, welche Stecker sie zu entfernen hatte, kam jegliches Eingreifen zu spät. Ich hörte nur noch ihre Zimmertür ins schloss fallen und wie der Schlüssel umgedreht wurde. So saß ich da und starte auf den Ameisenkrieg, welchen der nun nutzlose Fernseher anzeigte.

Diese miese kleine Tür

Langsam realisierte ich, dass ich meinen Film so nicht würde gucken können. Ausweichen auf Antennenempfang war nicht möglich, da zu schlecht. Also musste ich wohl oder übel diesen Receiver wieder bekommen. Leichter gesät als getan. Heftiges Anklopfen an der Tür wurde mit erhöhter Lautstärke aus der Anlage beantwortet. Hämmern an der Tür trieb die Lautstärke an die Leistungsgrenze der Anlage.

Mit schon ziemlicher Wut im Bauch trat ich gegen die Tür. Es konnte doch nicht sein, dass dieses mickrige Türchen mich von meinem Film abhielt. Unglaublich! Aber die Tür hielt stand.

Meine Schwester war nicht das Problem. Die Zeiten in denen ich mich von ihr unterbuttern ließ, waren schon längst vorbei. Aber diese verdammte Tür. Das konnte nicht sein. MIESE KLEINE TÜR!

Der Fernseher lief noch.

Symbolbild

Also ging ich erstmal, um diesen abzustellen. Jetzt sehr wütend (verdammte mickrige Tür!!!, warum hatte mir eigentlich noch nie jemand gezeigt, wie man ein Schloss knackt?!) machte ich mich auf den Weg in mein Zimmer. Dazu musste ich aber wieder an dieser TÜR vorbei, welche auch noch am Ende des Flurs lag.

Mit viel Wut im Bauch rannte ich los.

Absprung mit beiden Beinen voraus im eleganten Karatestil.

Ich hatte nicht alle Kraft in diesen Sprung gelegt. Ich rechnete damit, dass die Tür ohnehin diesen Angriff verkraften würde – und ich wollte mir nicht auch noch weh tun.

Sie tat es nicht.

Mit einem lauten Krach splitterte der Türrahmen und die Tür gab nach.

Mit einer Mischung aus Entsetzen und Überraschung starrte meine Schwester mich an. Selbst etwas überrascht über die plötzliche Beseitigung des Hindernisses schaute ich mich um, griff mir den Receiver und rannte zurück ins Wohnzimmer. Triumphierend schloss ich das Gerät wieder an und schaltete meinen Film ein.

An diesem Abend wurde ich nicht mehr gestört.

Der Film war übrigens furchtbar langweilig und nach einer halben Stunde habe ich umgeschaltet. Aus Trotz habe ich immer wieder schnell zurückgeschaltet, wenn sie vorbei lief.

Den Türrahmen hat der tischlernde Onkel einige Wochen später wieder zusammengeflickt. Und mittlerweile haben wir auch den richtigen Umgang mit Türen gelernt. Alle beide.

 

Über diesen Text
Dieser Text erschien ursprünglich im August 2007 in unserer Hochzeitszeitung. Ich selbst habe nur vage Erinnerungen daran, wie der Türrahmen hinterher aussah – und keine an den besagten Abend (und auch überhaupt keine dazu, wie unsere Eltern reagierten, als sie heimkamen). Nun hat der Autor dieser Zeilen geheiratet. Ich freue mich, dass ich so einen wichtigen Beitrag zu Zielstrebigkeit, Durchsetzungsvermögen und Überlebenstraining leisten konnte. Ich hab dich lieb, Bruderherz! Alles, alles Gute für euch und eure gemeinsame Zukunft! 

3 comments on “Einfach war mein Leben nie – ein Gastbeitrag”

  1. Ulf Moritz Antworten

    Nur mal dazu: Die Eltern waren stinksauer, obwohl die lieben Kinder schon alles aufgeräumt hatten. Die Reparatur sollten die beiden auch bezahlen, aber ihr lieber Onkel hat ihnen das erlassen. So viel Glück muss man haben! Und beide sind nun glücklich verheiratet – soviel Glück muss man erstmal haben!
    Der dazugehörige Vater

    • Jette Antworten

      Ich hatte sowas befürchtet (also das sauer sein).
      Aber der Onkel ist halt schon ein netter.

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