Der Streit

Im Moment haben wir einen Besuchshund und dieser muss ja regelmäßig mal bewegt werden. Die Kinder ebenso. Das große Kind erledigte das heute aushäusig bei einer Geburtstagsfeier. Das kürzere Kind, der Hund und ich machten uns daher am späteren Nachmittag zu Dritt auf ins nahe gelegene Naturschutzgebiet. Da wir das längere Kind auf dem Rückweg vom Geburtstag einsammeln wollten, nahmen wir das Auto.

Die Szene

Schon als ich auf den Parkplatz fuhr, sah ich einen jungen Mann vor einer geöffneten Autotür stehen und laut gestikulierend in eben diese hinein schreien. Eine Frau stand auf der anderen Seite des Autos, Hände vor’s Gesicht geschlagen. Ich parkte eine Reihe weiter vorne – nicht zu nah, aber doch nah genug, dass ich mitkriegen kann, wie die Situation ist und ob da jemand Hilfe braucht.

Ich brauchte auch gar nicht zu schauspielern: Kind und Hund aus dem Auto, alle Dinge parat machen – das dauerte alles etwas länger und so verbrachten wir sicherlich 3 bis 5 Minuten auf dem Parkplatz. In der Zeit stieg noch ein weiterer Mann aus dem Wagen und die Stimmlage der Männer (sie sprach nicht) war erregt, aber kontrolliert. Keiner wirkte besonders außer sich und der ausgestiegene Mann, machte auf mich eher den Eindruck als gelänge es ihm, die Situation etwas zu beruhigen. Ich mischte mich nicht ein und wir gingen los. Das Kind machte sich Gedanken über die Szene, aber wir beschlossen, dass Streit nun mal zum Leben dazu gehört und sicher alles gut ist.

Der Spaziergang

Besuchshund in geflutetem Steinbruch

Hund, Kind und ich liefen etwas über eine Stunde um einen gefluteten Steinbruch, warfen Stöckchen, spielten Pferd, übten auf Kommandos zu hören (der Hund auf meine, ich auf die des Kindes, das Kind auf niemandes), tranken Apfelschorle (Kind und ich) und Pfützenwasser (Hund) und hatten alle drei eine super Zeit. Zwischenzeitlich fragte das Kind, völlig aus dem Nix: „Ob sich die Jungen und das Mädchen noch streiten? Vielleicht spielen die so was wie „Mädchen gegen Jungs“, oder Mama?“ Äh ja, vielleicht. Sicher.

Als es dämmrig wurde, kehrten wir zum Parkplatz zurück. Tatsächlich standen das Auto mit den streitenden Menschen immer noch da. Die Frau sahen wir nicht, sie saß vermutlich im Auto. Der Mann, den ich für eine beruhigende Kraft hielt, schrie nun rum. Ich konnte nicht allem folgen, aber es ging darum, was er ihr alles ermögliche und wie sie ihn dann nur beleidige.

Die fast Einmischung

Ich verfrachtete Kind und Hund ins Auto und überlegte, während ich mein Zeug umständlich im Kofferraum deponierte, was ich tun könnte. So gar nix tun, fand ich falsch. Wer über eine Stunde auf einem Parkplatz streitet, kommt ganz offensichtlich nicht weiter. Außerdem kann ich es schwer aushalten, wenn auf jemanden hinunter geschrieen wird – die Männer standen ja, sie saß im Auto. Andererseits hatte ich das fünfjährige Kind dabei und einen Hund, der jetzt eher nicht so Respekteinflößend wirkt. Ich bin auch nicht sehr groß, einer der beiden Männer aber schon und der gemeinsame „WAS MISCHEN SIE SICH EIN?“-Sündenbock zu werden, wirkte jetzt auch nicht so verlockend.

Noch während ich überlegtem gingen die beiden Männer auf einmal weg und sie startete das Auto, fuhr 2 Meter und blieb stehen. Meine Chance! Ich sagte meinem Kind kurz Bescheid und ging zum Auto. Ich wollte fragen, ob sie Hilfe bräuchte. Da fuhr sie dann doch los.

Also fuhren wir auch los. Und sahen, dass sie nicht weit gekommen war: 20 Meter weiter hatte sie angehalten und gab den Männern wärmere Pullover aus dem Kofferraum. An der nächsten Kreuzung, zurück auf die Hauptstraße, musste ich etwas warten. Normalerweise hätte sie hinter mir sein müssen – sie kam jedoch nicht.

Meine Tochter hat dies den ganzen Abend beschäftigt. Sie spürte, dass das schon was „Großes“ war, was wir bezeugt hatten. Sie tröstete sich damit, dass die sich sicher lieb hatten, sonst hätte die Frau den Männern ja nicht die Pullover gegeben. Zugegebener Maßen sprang ich sehr dankbar auf diesen Ausweg für sie an.

Gleichzeitig beschäftigt mich die Situation auch noch sehr. Was hättet ihr getan?

2 comments on “Der Streit”

  1. Janina Antworten

    Hallo Jette, das ist tatsächlich schwer zu beantworten. Ich habe aber im Sommer eine vergleichbare Situation erlebt.
    Ich war mit beiden Kindern am Morgen per Rad auf dem Weg zur Ferienbetreuung. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch einen Mann auf dem Gehweg knien. Ich hab umgedreht und ihn gefragt ob er Hilfe braucht. Dann rieche ich schon dass er ein Alkoholproblem hat und eine aufgeschlagene Augenbraue… Meinen Vorschlag einen Arzt zu rufen findet er gar nicht gut, er sei nicht versichert,… Letzendlich habe ich ihm seinen schweren Einkaufsbeutel zur Wohnung transportiert, an der Wohnungstür mit seiner Mutter telefoniert und gebeten nach ihm zu sehen, bzw. einen Arzt aufzusuchen. Die Kinder die ganze Zeit in Sichheitsabstand zu dem Geschehen.
    Was nun aus ihm geworden ist, wir wissen es nicht und es hat uns auch noch ein paar Tage beschäftigt. Ich wusste es ist keine lebensgefährliche Verletzung, ich hab auch mein Bauchgefühl gehört.
    Hört sich für mich an, als hättest du genau richtig gehandelt. Eigene Sicherheit geht immer vor!
    Liebe Grüße

  2. SilkeAusL Antworten

    Hallo Jette,

    hm, schwierig. Ich hätte mir wie Du garantiert auch Gedanken gemacht, vor allem, als sie später immer noch da standen und stritten.
    Handgreiflich sind sie ja offensichtlich nicht geworden, also auch vielleicht problematisch, hier die Polizei einzuschalten. Oder war die Situation wirklich sehr bedrohlich?
    Wie Du auch schriebst, eingemischt alleine nur mit Kind hätte ich mich wahrscheinlich auch nicht; wer weiß, wie das dann eskaliert wäre?
    Ihr hätte vielleicht doch die Polizei angerufen und sie gebeten, ob sie nicht vielleicht einmal dort vorbei fahren könnten um zu schauen, ob alles in Ordnung sei. Wenn solche Respektpersonen vor manchen Leuten stehen, hilft es vielleicht manchmal doch…

    LG Silke

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