Das Grab der Vereinbarkeit

Oder: Wie ich über den Perfektionismus in meine eigene Grube fiel

Heute Morgen brachte ich Einhalb zur Kita. Ausnahmsweise mal nicht auf den allerletzten Drücker. Daher musste ich nicht im Sekunden-Takt sagen: „Hänge bitte den Fahrradhelm auf; Einhalb – die Hausschuhe nicht vergessen; Süße meine S-Bahn wartet leider nicht …“

Die unverhofft freie Zeit nutzte ich, um mich in die Büfett-Liste für das Kitafest nächste Woche einzutragen. Ich schrieb also hinter Einhalbs Namen „Muffins“, ließ mich von der Tochter aus der Tür schubsen und fuhr zufrieden ins Büro.

Sind nicht nur lecker, sondern sehen im Idealfall auch noch gut aus: Muffins.

Sind nicht nur lecker, sondern sehen im Idealfall auch noch gut aus: Muffins.

Ich arbeitete so vor mich hin und irgendwann nahm ich meinen Kalender zur Hand. Ja, ich habe immer noch zusätzlich so einen altmodischen aus Papier, auf dem ich die Woche im Überblick sehe. Den brauche ich offensichtlich auch, denn erst da fiel es mir auf:

  • Seit heute und noch bis Dienstagnacht bin ich Strohwitwe,
  • am Wochenende bekomme ich Lieblingsbesuch,
  • Montag hat Einhalb Geburtstag und für das von ihr geliebte und von mir genähte Geburtstagsshirt lieg hier noch nicht mal der Stoff, außerdem wird sie etwas für die Feier in die Kita mitnehmen wollen – vermutlich etwas Gebackenes,
  • Donnerstag ist das erste Kita-Fest – das mit den Muffins
  • Freitag ist das zweite Kita-Fest – vermutlich wird dazu auch noch eine Liste irgendwo hängen,
  • Sonntag ist die Geburtstagsfeier.

Und das sind ausschließlich die privaten Freizeit-Termine. Da ist noch kein Bad geputzt, keine Wäsche gewaschen, nix eingekauft, gekocht. Ach, und im Büro war ich laut dieser Liste auch noch gar nicht.

Wer vereinen will, darf nicht perfekt sein

Deutlicher als jemals zuvor fiel mir auf: Der größte Feind der Vereinbarkeit ist – für mich – mein eigener Anspruch an mich. Der unmögliche Anspruch an permanenten Perfektionismus in allen Bereichen. Keine Forderungen des Arbeitgebers und keine zusätzlichen Kita-Schließtage machen mir die Vereinbarkeit wirklich schwer, sondern ich bin es selbst. Ich buddel‘ mir mit meinem Perfektionismus meine eigene Burn-Out-Falle.

Klar, viel wurde schon geschrieben darüber, dass der Tag für uns alle nur 24 Stunden hat, dass Kinder am besten von ganzen Dörfern aufgezogen werden, kein Mann eine Insel ist, und um Hilfe fragen, keine Schwäche ist. In der Theorie weiß ich das. Ich predige es meinen Freundinnen. Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn andere Mütter gekauften Kuchen auf ein Büfett stellen. Aber mit mir selbst bin ich da bisher immer strenger gewesen. Aber heute habe ich beschlossen: Ab sofort ist damit Schluss!

Eine Grenze, die ich nicht überwinden will

Vermutlich kommt eine jede und ein jeder von uns nur schwer darum herum, es selbst zu erleben, wie sie sich anfühlt, die eigene Grenze. Manchmal ist es ja auch ganz gut, diese etwas zu verschieben.

Aber diese Grenze will ich nicht verschieben. Ich war in letzter Zeit, viel zu oft die „Mecker-Mutter“ die ich überhaupt niemals sein wollte. Und was in dieser Liste völlig fehlt ist die Zeit, einfach mal durchzuatmen. Mit den Kindern ein Buch lesen. Nicht hetzen, nicht müssen. Gemeinsam Quatsch machen. Mit dem Mann in Ruhe ein Wein trinken und quatschen. Eine Freundin anrufen.

Und was nun?

Die nächste Woche ist nunmal wie sie ist. Ich freue mich ja auch drauf. Freue mich auf den Besuch, den Geburtstag und die Vorbereitungen für das große Fest. Aber ich werde dabei den unerreichbaren Perfektionismus abschaffen. Stattdessen werde ich für uns Inseln schaffen, die unser aller Nervenkostüm schützen. Nicht jedes Fest unbedingt bis zum Ende mit unserer Anwesenheit beehren. Morgens kann ich sicher auch mal eine Bahn später nehmen. Und die Muffins? Die backe ich alle auf einmal und friere sie ein.

Falls also jemand von euch Muffins/Kuchen Rezepte hat, die sich gut einfrieren lassen: Ich würde mich freuen, wenn ihr sie mir in die Kommentare schreibt. Oder aber weitere Tipps, wie ihr euer Leben entschlackt und wo ihr die Perfektion über Bord geworfen habt, um entspannter und glücklicher zu leben.

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