Ein Kleid macht noch keine Prinzessin

Kennt ihr diesen Moment, wenn euch jemand nach euren Macken fragt, und euch fällt keine ein? Ihr wisst ganz genau, ihr habt welche – schließlich heißt es doch immer, dass niemand perfekt ist – nur jetzt gerade in diesem Moment, ist da nix. Sicher, ihr könntet eure bessere Hälfte fragen, aber wer will schon ernsthaft vor Dritten ein Gespräch über seine kleinen Fehler führen?

Nun, seit ich zum zweiten Mal aus der Elternzeit kam, ist mir eine meiner Macken ganz bewusst, weil mich zwei Kolleginnen innerhalb kürzester Zeit darauf ansprachen. Die Erste fragte mich eines Morgens in der Kaffeeküche, ob ich keine Hosen möge. Nur wenig später kam die Zweite in mein Büro, musterte mich und fragte: Sag mal, wie viele Kleider hast Du eigentlich?

27 Dresses? Naja – fast.

Hallo, mein Name ist Jette und ich bin ein Kleid-o-holic. Ich trage im Büro nie Hose, sondern immer Rock oder Kleid. Die Frage der Kollegin ließ mich nicht los und so habe ich am Abend, als die Kinder im Bett lagen, nachgezählt. Das Ergebnis lautete: etwas über 20 Kleider. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen: Sie sind ultimativ praktisch. Das ganze „Was ziehe ich an“-Drama kann auf ein Minimum reduziert werden, da nur noch Schuhe und Tasche zu wählen sind. Und das habe ich ganz gut im Griff.

Spontan erinnerte ich mich an 27 Dresses, den Film, in dem Katherine Heigl 27 Mal Brautjungfer ist und jedes Mal von der Braut in ein albernes bis dämliches Brautjungfernkleid gesteckt wird – mit dem Ziel, dass sie hässlich ist. Oder wenigstens hässlicher als die Braut. So sieht es ihr zukünftiger Ehemann. Zu einem Zeitpunkt im Film, als von zukünftigem Ehemann noch für mindestens 40 Minuten nichts zu spüren ist:

Nun, ich kann euch beruhigen: Ich besitze Hosen. Außerhalb des Büros trage ich sie sogar fast immer. Ich kann meine Macke sogar erklären. Für mich ist der Unterschied zwischen Rock/Kleid und Hose der zwischen beruflich und privat. Bei meinem ehemaligen Arbeitgeber war die Trennung nicht so strikt. Wir waren alle etwa gleich alt, arbeiteten viel und die Atmosphäre war locker.

Als ich nach meiner ersten Elternzeit zu meinem damaligen Arbeitgeber zurückkam, behielt ich das entspannte Outfit bei. Machen wir uns nix vor: Wenn man mit Straßenbahn und Bus das Kleinkind im Kinderwagen zur Krippe bringt, danach in eine andere Richtung weiterfährt und am Nachmittag den gleichen Weg zurück macht – ist das mit Jeans und Turnschuhen unbestritten praktischer als mit Nylons und High-Heels. Erst recht, wenn das Kleinkind größer ist und noch auf dem Spielplatz halt machen will.

Zum ersten Mal Working-mom

Um es abzukürzen – es lief nach der Rückkehr nicht so gut und ich wechselte den Arbeitgeber. Das hat sicher nichts mit meiner Kleidung zu tun, aber mit diesem Arbeitgeberwechsel habe ich die Klamotten als klare Grenze zwischen den beiden Sphären gezogen. Da sich auch der Arbeitsweg veränderte, übernahm Olli die Aufgabe, Einhalb zur Kita zu bringen und abzuholen. Inzwischen bringe ich sie wieder und so manche Feinstrumpfhose wurde seither von fiesen Kinderklettschuhen oder Pedalen des Kinderfahrrads zerstört. Aber in der Tasche und in der Schreibtischschublade ist immer Ersatz vorhanden.

Ein Blick in den Kleiderschrank

Ein Blick in den Kleiderschrank

Nun habe ich aber zwei Töchter und dank der vorausschauenden Planung der U3-Betreuung in unserer neuen Heimat geht Zweihalb in eine andere Stadt zur Krippe (fragt nicht). Und seither ist es meine Aufgabe, sie dort morgens hinzubringen und dreimal die Woche auch wieder abzuholen. Wir laufen zusammen zum Bahnhof, steigen in die S-Bahn, eine Station später wieder aus und dann laufen wir noch 5 Minuten. Ich gehe wieder zurück und fahre mit der Bahn weiter ins Büro.

Mit High-Heels und Tragetuch

Meinen Kleiderschrank auf bürotaugliche Hosen und nur flache Schuhe umzustellen, kam nicht in Frage. Mit dem Auto ins Büro aufgrund der Strecke und der Park-Situation auch nicht. Allerdings vermute ich, dass der S-Bahn-Spurt in High-Heels mit Kind auf Arm nicht als Sportprogramm durchgeht.

Bleibt also die „New York Methode“. So habe ich es genannt, wenn berufstätige Frauen mit extrem praktischem, aber eben auch hässlichen nicht zum Outfit-passenden Schuhen ins Büro gehen, und dort wechseln. Abgesehen von der Schlepperei funktioniert es.

Dürfen Frauen Hosen tragen?

Die zweite Frage ist grundsätzlicher und war lange für mich schwieriger zu beantworten: Zementiere ich für meine Töchter ein altmodisches Frauenbild, wenn ich nur mit Rock und nur geschminkt aus dem Haus gehe? Aus dem Haus ist natürlich übertrieben: Am Wochenende und im Urlaub schminke ich mich fast nie und trage wie gesagt auch Hosen. Aber Fakt ist: Immer wenn es wichtig ist, macht Mama sich chic.

Einhalb hatte eine Phase, etwa mit 2,5 Jahren, da wollte sie jeden Morgen, wenn sie sah, wie ich mich schminkte, auch geschminkt werden. Wenn die Zeit es zuließ, habe ich ihr den Wunsch erfüllt: Mit Faschingsschminke als Katze, Tiger oder Schmetterling. Das war zwar eigentlich nicht das, was sie gemeint hatte, half aber einige Zeit ganz gut. Irgendwann hat das wieder nachgelassen, doch es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie sich selbst bedient.

Wir brauchen mehr Glitzer im Matsch

Eigentlich möchte ich meinen Mädchen zeigen, dass sie sich nicht in irgendwelche Rollen pressen lassen sollen. Das Frauen genauso viel leisten können wie Männer. Und so hoffe ich, für Jungen und Mädchen, dass in den Köpfen der sturen Erwachsenen ganz viel passiert. Das Mädchen und Jungen unterschiedlich sein können, dürfen und sich in allen Rollen ausprobieren können.

Ich wünsche mir, dass Jungs ebenso selbstverständlich Nagellack ausprobieren dürfen und mit Puppen spielen und Mädchen auf Bäume klettern, und Fußball spielen. Um es mit der meiner Meinung nach sehr gelungenen Kampagne zu sagen: „Like a girl“ darf keine Beleidigung mehr sein!

Und daher finde ich: So wichtig sind Klamotten nicht. Ich freue mich, wenn meine Töchter im Glitzerröckchen im Matsch spielen.

Wie seht ihr das? Dürfen eure Jungs Nagellack tragen, wenn sie sehen, dass Mama das auch hat? Tragen eure Mädchen nur rosa und seht ihr das entspannt? Erzählt es mir – ich bin wirklich neugierig, wie ihr das handhabt: Ganz besonders, falls ihr zuhause halbe Portionen beiderlei Geschlechts rumlaufen habt.

6 comments on “Ein Kleid macht noch keine Prinzessin”

  1. Yvonne Antworten

    Hallo Jette !
    Meine Tochter (3) ist ziemlich plietsch und liebt rosa,lila etc. Und ich lasse sie ihre Kleidung aussuchen, wenn sie will (was letztens im Kauf eines Tütü mit Glitzer gipfelte *grins*).
    Ich möchte, dass sie ‘schlau‘ und ‘Frau‘ ZUSAMMEN denken kann. Und bin diesbezüglich auch zuversichtlich, denn im Gegensatz zu den Bilderbücher-Klischees ist ihre Mama die politisch interessierte Zeitungsleserin! Ganz abgesehen von einem Beruf natürlich 🙂

    Danke für Euren Blog!
    Gruß ,
    Yvonne

    • Jette Antworten

      Liebe Yvonne,

      danke für Deinen Kommentar. Ich versuche mich da auch entspannter zu machen. Dank Frozen kommen aber auch zunehmend andere Farben in Frage („Mama! Das ist Elsa-Farben!!!“). Und ich denke, dass die anderen Aspekte schwerer wiegen – plus: Die Welt dreht sich ja weiter. Ein Glück. 😀
      Einen schönen Abend Dir.
      Jette

  2. Suse Antworten

    Ich arbeite auch überwiegend im Homeoffice. Aber wenn es beruflich raus geht, dann im Kleid. Oder sehr schicken Oberteil (wenn es mal arg kalt ist).
    Trennung von beruflichen und privaten Klamotten hat was!
    Ich wechsle die Klamotten, also wechsle ich auch gedanklich meine Rollen.

    • Jette Antworten

      Ha – ich wusste, ich bin damit nicht allein. 🙂

      Dir ein schönes Wochenende – in welchen Klamotten auch immer.

      Liebe Grüße
      Jette

  3. Katja Antworten

    Guten Morgen, liebe Jette,

    ich trage inzwischen fast nur noch Hosen, weil es a) praktisch ist und ich b) zu Hause arbeite. Wenn ich aber mal (geplant) zum Kunden fahre, dann sind Kleid oder Rock für mich fast ein Muss, weil ich mich darin gut und sehr selbstbewusst fühle. Es kommt nur selten vor, dass ich in Jeans, ungeschminkt und mit Brille statt Kontaktlinsen fahre – meist, wenn es spontan geschieht.

    Dem Kleinen fällt der Unterschied normalerweise nicht auf, da er mich selten im Business-Outfit sieht. Aber er sieht mich arbeiten und ganz oft Auto fahren. So kann es schon mal passieren, dass er verdutzt guckt, wenn Papa sich ans Steuer setzt. Und er hat mich auch schon „zum Arbeiten“ geschickt, damit er abends noch ein wenig mit dem Papa Spökes machen kann. Für ihn ist es also selbstverständlich, dass Mama auch arbeitet – eben von zu Hause aus, während Papa ins Büro fährt.

    Noch kaufe ich ihm seine Kleidung, aber er hat z. B. schon mal rosa Aufbewahrungsboxen ausgesucht und ich habe ihn nach kurzem Zögern (Genderfalle! ;-)) gelassen. Und wenn er mal Mama-Sachen ausprobieren will, darf er – auch wenn sein Papa dann mit den Zähnen knirscht.

    Ich erinnere mich dabei gerne an Freunde meiner Eltern, die in den 70er/80er-Jahren ihrem Sohn (damals etwa vier oder fünf Jahre alt) eine von diesen riesigen Babypuppen schenkten, die er auch immer mit sich rumschleppte. Schon damals sehr progressiv! 🙂

    Liebe Grüße vom Rhein
    Katja

    • Jette Antworten

      Wie lustig, dass wir quasi getauscht haben, seit unseren Studienzeiten. Darauf hätte vermutlich Keine von uns gewettet. 😉 Hab nen schönen Tag!

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