Liebe Mama,

heute ist es sieben Jahre her, dass Du gestorben bist. Sieben Jahre und eine halbe Ewigkeit! Ich hoffe sehr, dass Dein Traum wahr geworden ist: Dass Du heute auf einer kleinen weißen Wolke sitzt, mit den Beinen baumelst und uns beobachtest. Dann weißt Du, was aus uns allen geworden ist. Du weißt, dass Dein Sohn und ich in einer ganz anderen Ecke Deutschlands auf einmal wieder relativ nah beinander wohnen – und dass wir uns besser denn je verstehen. Wie Du wohl die lokalpolitischen Ambitionen Deines Mannes kommentieren würdest? Und was würdest Du zu mir sagen? Unsere Wege sind so unterschiedlich!

 

Am Anfang des Wegs.

Am Anfang des Wegs.

Erinnerst Du Dich: Eines Tages saß ich an Deinem Bett, Du warst schon ziemlich krank, und ich habe Dich gefragt, wie ich denn mögliche Kinder groß kriegen sollte, wenn Du nicht da bist, um mir mit Rat und Tat beizustehen? Du hast geantwortet, dass Du sicher bist, ich werde eine tolle Mutter sein und dass Du so gerne Deine Enkel kennengelernt hättest. Wir haben ein bisschen geweint (vermutlich eher ein bisschen mehr). Aber glauben konnte ich Dir nicht so richtig – also den Teil mit der guten Mutter, den anderen schon.

Du hast Dich so darauf gefreut eines Tages Oma zu werden. An Aussagen in diese Richtung erinnere ich mich seit Teenietagen. Leider hat das nicht mehr geklappt. In den letzten Wochen Deines Lebens haben wir immer wieder darüber gesprochen, was die Zukunft wohl für uns „Zurückbleibenden“ bereit hält. Einiges hast Du ganz gut vorhergesehen – mit anderem konnte niemand rechnen.

Fast zwei Jahre später war es dann soweit: Ich wurde Mutter. Seither weiß ich, dass Du Recht hattest. Ihr habt mir alles mitgegeben, was ich brauche, um jeden Tag aufs neue die beste Mutter zu sein, die ich sein kann.

Häufig lächel’ ich in mich hinein: Erkenne ich doch bei so vielen Dingen Teile von Dir in meinem Tun! Beispielsweise wenn ich den Wert eines Kleinwagens für Kinderbücher ausgebe, wenn ich niemanden der Familie ohne Frühstück aus dem Haus lasse oder wenn ich Klamotten für die Töchter nähe (Allerdings nicht mit Deiner Maschine, die hat der Herr Vater in Beschlag genommen und näht inzwischen ziemlich gut. Hat er sich sicherlich in den vielen Jahren von Dir abgeschaut).

Aber dann machen Olli und ich auch so vieles ganz anders als ihr. Du bist nach meiner Geburt über zehn Jahre daheim geblieben und dann ganz langsam mit ein paar Stunden wieder eingestiegen. Das war toll und hat uns Geschwistern ein Aufwachsen ermöglicht, wie es anders nicht gegangen wäre. Mein Pony direkt bei uns am Haus, der riesige Garten, unsere Nachmittags-Tees, bei denen wir über alles gesprochen haben … All das sind Dinge, die meine Töchter in dieser Form nicht mit mir erleben werden.

Wir arbeiten beide, für unsere Töchter haben wir zwei wunderbare Betreuungseinrichtugen gefunden und anders als in meiner Kindheit, wo das schon geographisch nicht möglich war, spielen die Großeltern im Alltag unserer Kinder eine wesentliche Rolle.

Aus diesen letzten, intensiven gemeinsamen Wochen, die wir zusammen hatten, erinnere mich auch an Deinen Satz, wir sollen nur Kinder bekommen, wenn wir auch ausreichend Zeit für sie hätten.

Weißt Du Mama, ich glaube trotzdem, das haben wir.

Sicher, wenn man die Minuten zählt, ist es nicht so viel, wie die Zeit, die mein Bruder und ich mit Dir hatten. Aber wir versuchen die Zeit, die wir als Familie haben, bewusst zu nutzen. Vielleicht ist es vermessen, aber ich versuche tatsächlich beides zu haben: Die glückliche Familie und den Job.

Denn ich erinnere mich eben auch die andere Seite: Wie schwierig Deine ersten Schritte zurück ins Berufsleben waren. Wie einige Deiner Freundinnen es nicht geschafft haben – so sehr sie es auch versuchten. Oder Deine Sorge vor Altersarmut, die immer dann deutlich wurde, wenn der jährliche Brief der Rentenversicherung kam.

Zum Glück habe ich in Olli einen Mann, der diesen Weg mit mir gemeinsam geht. Der für seine Kinder da sein will, der seinen Arbeitgeber überrascht, indem er Teilzeit beantragt, und der mit ganzem Herzen dabei ist. Leider immer noch keine Selbstverständlichkeit. Gesellschaften ändern sich nicht so, schnell wie wir beiden ungeduldigen Weibsbilder es gerne hätten.

Ach, wie gerne würde ich das alles persönlich mit Dir besprechen! Ob wir uns über den richtigen Weg streiten würden? Eigentlich glaube ich das nicht. Denn Du würdest sehen, wie toll Deine beiden Enkelinnen sind und wie gut es ihnen geht. Sicher würdest Du mindestens einen Besuch bei uns so planen, dass Du den Kindergarten und die Krippe kennenlernen könntest. Ich möchte auch nicht ausschließen, dass Du die ein oder andere kritische Nachfrage stellen würdest und wir in Detailfragen aneinander geraten. Wir sind halt beide eher für Temperament und scharfe Zunge denn für Langmut und Diplomatie bekannt.

Irgendwie erkennen wir alle ja erst, was die eigenen Eltern für einen getan haben, wenn wir selbst Kinder haben. So vieles, was ich vorher nie verstanden habe: Dass Du so wütend wurdest, wenn ich im Sekundentakt an die Badezimmertür klopfte. Kam mir kleinlich vor – kann ich heute verstehen. Auch das Du und Papa Euch IMMER mit der Schule anlegen musstet, war mir damals eher peinlich. Heute schreibe ich offene Briefe an den Kindergarten. Ich fürchte, das wird bei Bedarf anhalten.

Bei anderen Dingen frage ich mich, wie Du so cool bleiben konntest. Ich werde nie vergessen, wie ich mit knapp 16 nach einem Konzert mit dem Abdruck eines Springerstiefels auf dem Oberschenkel nachhause kam (mit 50 kg in ein Moshpit zu geraten war vielleicht etwas leichtsinnig). Trotzdem habt ihr mich und meine Freundinnen zum nächsten Konzert gefahren. Und während meine Freundinnen zum Teil striktes Haare-färben-Verbot hatten, bist Du erstaunlich ruhig geblieben als ich meine Haare blau färben wollte. „Es gibt wichtigere Dinge, über die ich mich mit Dir streiten muss,“ hast du damals gesagt. Und das haben wir dann ja auch getan.

Trotzdem fand ich den Satz damals ziemlich komisch. Ziemlich weise, finde ich ihn heute. Ich bin gespannt, wie das mit der Pubertät so wird. Aber da meine Töchter beide eher unserer Temperament haben, bin ich ziemlich zuversichtlich, dass sie meine Nerven ähnlich strapazieren werden, wie ich Deine. Naja, ein wenig Zeit bleibt mir ja noch.

Meine liebe Mama, Du warst sicher nicht perfekt. Aber ich weiß ganz sicher, dass Du immer alles in Deiner Macht stehende für mich und meinen Bruder getan hast. Du warst mit Sicherheit, die allerbeste Mutter, die Du sein konntest. Und das ist, wie ich heute weiß, so viel mehr als nur genug!

Sieben Jahre ist es nun schon her. Sieben Jahre und eine halbe Ewigkeit.

Ich vermisse Dich.

Deine

Jete

P.S.: Es gibt da wo Du jetzt bist einen kleinen Jungen, der mir sehr am Herzen liegt. Passt Du bitte gut auf ihn auf? Das habe ich seiner Mama versprochen.

P.P.S.: Habt ihr da wo Du bist guten TV-Empfang? Wenn Dir die Beobachtung unseres Alltag mal zu langweilig wird: Schnapp Dir die Omi und schaut Downton Abbey – Ihr werdet es beide lieben!

7 comments on “Ein Brief an meine Mutter”

  1. Vera Nagel Antworten

    Hallo Jette, eine sehr schöne Liebeserklärung an deine Mama Conny. Ich bin froh sie auch zu Teilen miterlebt zu haben. Mich tröstet es, nach 7 Jahren diese Intensität von dir zu deiner Mutter zu sprüre……., daß der Mensch nicht verloren geht, im Hier und Jetzt des Alltags.
    Alles Gute dir und deiner Familie
    Gruß Vera

  2. Barbara Hielscher Antworten

    liebe Jette,
    ich habe erstmal ganz doll weinen müssen und bin zutiefst gerührt von deinem Brief an Conny. Selbstverständlich hat sie heute von mir einen Blumenstrauß bekommen und immer noch vermisse ich sie sehr, meine kleine Schwester. Es ist so ungerecht, dass sie uns so früh verlassen musste. Ich hätte ihr so sehr das Großmutterglück gewünscht. Ich erlebe ja selbst, wie beglückend es ist, so ein kleines Wesen zu begleiten und mitzuerleben, wie Jonathans Welt täglich größer wird. In Gedanken bin ich bei euch und umarme dich ganz herzlich.
    Deine Barbara

  3. Carolin Schürmann Antworten

    Liebe Jette, Deine Worte haben mich zu Tränen gerührt. Ich bin mir sicher, dass unsere Mütter über alle Kannäle immer alles empfangen können. Ich frage mich auf oft, was sie zu unserem Betreuungsstil sagen würde, bzw. hörte ich zu Lebzeiten auch häufig in perspektivischen Diskussionen „man bekommt doch keine Kinder, um sie dann direkt in die KITA abzuschieben…“. Das kann man aber nur dann nachempfinden, wenn man einen Beruf gefunden hat, in dem man sich frei entfalten kann und der einem Spaß macht, der einen erfüllt und einem ganz alleine gehört. Und nur wenn man einen Mann an seiner Seite hat, dem die Entfaltung seiner Frau und der Mutter seiner Kinder wichtig ist und erkennt, dass nur so alle langfristig in einer Familie glücklich sein können. Viele Mütter unserer Muttergeneration kannten bzw. kennen diesen „Luxus“ nicht. Und ich dachte auch lange bevor ich Kinder bekommen habe, ich würde auf alle Fälle 3 Jahre zuhause bleiben. Ich gehe nicht arbeiten, weil ich muss, sondern weil ich will und ich weiß, dass ich für meine Kinder und meinem Mann und für mich nur so die beste Mutter bin, die ich sein kann (eine sehr treffliche Definition Deinerseits :-). Ich bewundere die Mütter, die ganz und gar in der Rolle zuhause aufgehen und das vor allem schaffen. Ich habe lange despektierlich über Frauen gedacht, die NUR Hausfrauen sind. Heute ziehe ich alle Hüte davor, die ich finden kann. Ich kann es nicht.

    • Jette Antworten

      Liebe Caro,
      danke für die lieben Worte. Ich glaube es sind zwei Sachen: Der Job, der einen glücklich macht – und die Kita, der du dein Kind anvertrauen möchtest. Das war zu unserer Kinderzeit sicher noch anders. Von rechtlichen Bedingungen (Kündigungsschutz, Elternzeit, etc.) gar nicht zu reden.
      Wenn du drei Jahre zuhause bleiben würdest, hätte ich allerdings eine Gehirnwäsche vermutet. 😉
      Alles Gute für Dich und Deine Lieben! Ich freue mich, auf Euren Zuwachs.
      Jette

  4. Katja Antworten

    Wie wunderbar geschrieben! Habe Tränen in den Augen … Deine Mama war eine tolle Frau! Denke an dich, liebe Jette! Fühl dich feste gedrückt, heute noch mehr als sonst!

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