Über Mut und die Notwendigkeit über sich hinauszuwachsen

Oder: Rezension eines Buches, das mich überrascht hat

In der letzten Woche saß ich morgens in der S-Bahn und träumte so vor mich hin. Nicht lang und eine Frau, vielleicht so Anfang 30, stieg mit einem/ihrem Freund ein. Sie hatte einen geschienten Fuß und nutzte Krücken. Sofort stand jemand für sie auf, so dass sie, ganz offensichtlich noch ungeübt mit den Krücken, sich setzten konnte. Was sie auch sofort annahm. Die Bahn fuhr weiter … Als an einer der nächsten Stationen die Türen piepsten, um das Schließen anzuzeigen, sagte die Frau plötzlich zu ihrem Begleiter: „Immer dieses Piepsen: Man sieht doch, dass die Tür schließt.“

Stille.

Ich überlegte, ob ich sie darauf hinweisen soll, dass diese Möglichkeit vielleicht nicht jedem Menschen gegeben ist. Da fährt sie schon fort:

Wenn man es nicht sehen kann, dann sollte man nicht Bahn fahren.

Eine (zeitweise) gehbehinderte Frau beschwert sich über Reiseerleichterungen für Menschen mit anderen Einschränkungen. Nur weil sie das Piepsen der Türen nervt. Mir schoss durch den Kopf: „Stimmt, die sollten alle besser Auto fahren!“ Gesagt habe ich es aber nicht. Stattdessen habe ich mich den ganzen Tag über meinen mangelnden Mut, mal  sozial unerwünscht aufzufallen, geärgert. Und ich dachte daran, dass viele Behinderungen erst durch von der Umwelt aufgebaute Hindernisse entstehen und an dieses Buch …

Alles Inklusive – Ein Buch das bewegt

Alles_InklusiveDas mit dem Mut ist ja so eine Sache: Ich war jetzt in der bequemen Position mich entscheiden zu können, ob ich mutig sein will oder nicht. Manche von uns werden aber zum mutig sein gezwungen, wie Mareice Kaiser, Journalistin und Inhaberin des Kaiserinnenreich. Im Dezember erschien ihr erstes Buch „Alles inklusive. Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter“. Von jetzt auf gleich konnte Mareice sich nämlich nicht mehr aussuchen, ob sie auffallen möchte oder nicht, denn ihre erste Tochter wurde mit einem seltenen Chromosomenfehler geboren.

In ihrem Buch nimmt Mareice uns mit in das Leben mit einem mehrfach behinderten Kind. Ein Leben das den meisten von uns gänzlich unbekannt ist und sicherlich häufig erst einmal Angst macht. Mareice ist da nicht anders. Auch sie hat anfangs große Angst vor dem was da jetzt auf sie zukommt und verheimlicht das auch nicht.

In Alles Inklusive geht es viel um das Leben zwischen Diagnosen und Terminen, um Unverständnis und zu viel (falschem) Verständnis, um Kampf mit Krankenkassen und Lösungen auf kurzen Dienstwegen. Aber vor allem erzählt Mareice von Mut neue Wege zu gehen, anders zu sein, Erwartungen nicht zu erfüllen. Und von ganz viel Liebe:

Es fällt mir immer leichter, ohne Prognose für mein behindertes Kind zu leben. Greta muss nicht hüpfen können, um auf einem Hüpfburgfest glücklich zu sein, sie muss nichts werden, es reicht, wenn sie einfach ist.[i]

Vom kleinen Glück und dem großen Ganzen

Eine Ranunkel für Mareice: Für ihren Mut und ihre Ehrlichkeit.

Eine Ranunkel für Mareice: Für ihren Mut und ihre Ehrlichkeit.

Aber Mareice Kaiser bleibt nicht bei privaten Anekdoten. Das ist wohl auch kaum möglich, wenn man mit so vielen Institutionen und Ämtern und Co. zu tun hat, wie Eltern von behinderten Kindern. Immer wieder zeigen ihre Erlebnisse und Geschichten dem Leser das gesellschaftliche und politische Umfeld, welches das Leben mit einem behinderten Kind zusätzlich erschwert. Sie zeigt uns allen den Spiegel einer immer noch stark diskriminierenden und behindertenfeindlichen Gesellschaft – in der wir alle leben. Dadurch bleibt es nicht aus, dass sich die Leser auch mal ertappt fühlen, bspw. bei dem auch im Kaiserinnenreich erschienen Text: „Mein Kind, das Gespenst“.

Alles inklusive ist also eine besondere Familiengeschichte, die auf ganz vielen Ebenen spielt. Trotzdem wird es nie abstrakt oder abgehoben. Sie ist ehrlich und beschönigt nix. Sie ist aber auch nicht anklagend. Sie ist liebevoll und hoffnungsvoll. Ich habe beim lesen geweint, mich mit der Autorin um Greta gesorgt und über Krankenkassen und Trolle geärgert. Alles Inklusive hat lange in mir nachgeklungen – zum Beispiel, wenn ich S-Bahn fahre. Ich nehme mir vor, das nächste Mal mutiger zu sein.

Was kann schon passieren?

Im besten Fall trage ich einen kleinen Teil zum Abbau der Hindernisse in unserer Gesellschaft bei. Im schlimmsten Fall muss ich ein paar doofe Kommentare ertragen.

tl;dr – die Zusammenfassung

Geht, kauft und lest es!

Die Details
Mareice Kaiser: Alles inklusive Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter Erschienen im S. Fischer Verlag und zu haben für 14,99 € (in Österreich für 15,50 €) ISBN: 978-3-596-29606-4

Ach und nur der Vollständigkeit halber: Ich habe das Buch eigenständig vorbestellt und bezahlt, habe kein Geld oder sonstige Leistung für diesen Text erhalten, kenne Mareice nur insofern, als dass sie mir auf der Blogfamilia ihre Powerbank geliehen hat und wir via Twitter ein paar mal hin und her geschrieben haben.

[i] Mareice Kaiser, Alles Inklusive, Fischer Taschenbuch, S. 208.

4 comments on “Über Mut und die Notwendigkeit über sich hinauzuwachsen”

  1. Niklas Berendt Antworten

    Hey Jette,

    interessante Geschichte aus deinem Leben, mit welcher du diesen Beitrag einleitest. Die Logik dieser Frau ist mir auch nicht so ganz klar geworden 😀 Zumal sie ja gerade ebenfalls wegen ihrer zeitweisen Beeinträchtigung besonders behandelt wird. Vom Buch vom Blog Kaiserinnenreich habe ich ebenfalls schon gehört. Ich finde es enorm stark, wie die Autorin damit den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt hat. So viel Mut muss man erstmal aufbringen!

    Interessanter Beitrag, gerne mehr davon.

    LG Niklas B.

    • Jette Antworten

      Danke. Und ich stimme dir in allen Punkten zu. Ich glaube, dass hat mich besonders geärgert: Die Kurzsichtigkeit ihrer Aussage.

      Das Buch ist wirklich mutig und trotz allem Traurigen und z. T. Erschreckenden eine schöne Lektüre.

  2. juni612 Antworten

    Das Buch steht auch schon auf meiner Wunschliste, danke für den Einblick. Über dein erlebnis in der Bahn…ärgere dich nicht, Mut ist es auch nichts zu sagen, denn Sprache kann zuweilen gemeiner und trotziger sein als zu schweigen. Ich muss gestehen, dass ich vermutlich etwas gesagt hätte, etwas nicht nettes, gar nicht nett. Und ich weiß auch dass ich mich hinterher dafür geärgert hätte, weil es impulsiv und unüberlegt gewesen wäre. Mutig ist nicht der, der spricht, sondern der, der in der Lage ist über erlebnisse reflektieren zu können und sich Gedanken zu seinem verhalten dazu zumachen. Also….Gratulation zum Mutig sein 🙂

    • Jette Antworten

      Ach Danke, das ist nett, wie du das beschreibst. Was mich einfach so ärgerte war das sie so undurchdachten Schwachsinn von sich gibt – einfach, um was zu sagen. Und zu dem Buch: Ich finde wirklich, dass jeder etwas daraus ziehen kann. Viel Spaß beim Lesen!

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