Über das Wachsen

Gestern kam ich nach Hause, es hatte stark gewittert, die Bahnen fuhren anschließend alle wie sie wollten oder Platz auf den Gleisen war, wer weiß das schon. Auf jeden Fall führen sie nicht nach Plan und ich war also relativ spät. Ich öffnete die Tür: Mir flog ein Kind in die Arme, das nächste und sogar noch eines. Während ich überlegte, seit wann wir drei Kinder haben, kam ein viertes und  schob, schwer konzentriert einen Puppenwagen vorbei. In der Küche traf ich den Liebsten, der gemeinsam mit unserem Nachbarn (Vater vom Puppenwagen-Kind) Kaffee trank. Wir quatschen kurz und nett. Dann verschwanden der große Nachbar und die kleine Nachbarin bald in ihre Wohnung. Kurze Zeit später kam die Mutter von dem dritten Kind, einer Kindergartenfreundin von unserer älteren Tochter. Dabei hatte sie ihr kleine Kind, etwas jünger als unsere Zweite. Dieser kurze Mensch betrat die Wohnung, zog sich Jacke und Schuhe aus und schnappte sich den noch im Flur stehenden Puppenwagen und ward nicht mehr gesehen.

Wir wollen kochen!

Die großen Kinder protestierten, sie wollten sich nicht trennen. Die Eltern tratschten noch etwas. Während dessen räumte ich ein wenig die Küche auf und bereitete den Platz zum Kochen vor. Seit kurzem haben wir einen Wochenplan, dazu vielleicht ein anderes Mal, auf jeden Fall steht auf dem auch, was es wann zu essen gibt: Spätzle mit Champion-Rahmsauce. Die großen Kinder wollten sich immer noch nicht trennen: Sie wollten gemeinsam kochen und essen. So sei es: Mutter und kurzer Mensch zogen von dannen und nach dem Aufräumen und Händewaschen, standen drei vor Engagement platzende Kids vor mir. Alles was wir Eltern in der nächsten Dreiviertelstunde machen durften, war: Das Wasser auf den Herd stellen, Dinge anreichen und ansagen. Ach, und die Petersilie waschen und schneiden sowie den Tisch decken.

Was soll ich sagen: Es war richtig lecker. Drei Kinder waren sehr stolz auf ihr Ergebnis – und die Eltern auch.

Ich trau mich – oder doch nicht?

Heute stand dann für unsere große Tochter die nächste, selbstgewählte Herausforderung an: Das erste Mal schlafen bei einer Freundin. Sie hatte große Sorge, ob der strenger (wahrgenommenen) Mutter und ob sie auch eine Gute-Nacht-Geschichte und/oder ein Gute-Nacht-Lied bekäme. Sehr häufig überlegte sie hin und her. Aber Absagen war offensichtlich auch keine Option.

Ausgestattet mit Klamotten, Kulturbeutel und Kuschel-Fuchs wollten wir los. Im letzten Moment wurde sie selbst noch mal ganz kuschlig und wir mussten schnell noch ein Foto von der ganzen Familie raussuchen und mitgeben. Zur Sicherheit. Dann radelte das große Kind vor mir her, sang lauthals „Hey ja heyja heyja ho – Hasentotenkopfpiraten sind nun einmal so“ und ich musste auf einmal an ein kleines Vogelküken denken. Eines, das schon die ersten Federn hat – und in die Welt fliegen möchte. Jedoch, es traut sich noch nicht so recht.

Die große Welt – so spannend und so aufregend

Mein liebes großes-kleines Küken: Trau Dich. Flieg los! Vielleicht noch nicht so ganz weit – der nächste Ast reicht erst einmal. Für uns beide. Ich freue mich, wenn Du weg fliegst und bin stolz, wie toll Du das kannst. Morgen geht es dann schon ein Stückchen weiter.

Sei gewiss: Du kannst immer wieder kommen. Wir werden Dich nicht aus dem Nest schubsen.* Und wenn Du kommst, machen wir Dir Deine Ecke ganz kuschlig und sorgen dafür, dass Du es ganz schön hast.

Und wenn alles gut geht mit uns, dann sind wir eines Tages genauso froh, wenn Du wieder fortfliegst: In Dein Nest, zu Deinen Küken.

Deine Eltern

 

*Also vielleicht schon. Eines Tages, wenn Du gar nicht gehen willst. Aber es würde Deine Eltern doch sehr wundern, sollte es soweit kommen.

2 comments on “Über das Wachsen”

  1. steffen Antworten

    ich freu mich drauf. das erste loslassen bei der kita-eingewöhnung war noch so „naja“ – mittlerweile geht die freude leichter von der hand/vom herz.
    danke.

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