Schminkt es Euch ab!

Warum ich mir von Euch kein schlechtes Gewissen machen lasse

Letzte Woche geisterte durch meine Social-Media-Kanäle ein Artikel von der Huffington Post. In üblicher Clickbaiting-Manier wurde eine reißerische Überschrift gewählt und den Eltern von heute erzählt, was sie alles falsch machen. Weil nämlich Helikopter-Eltern seien gar nicht schlimm, die seien wenigstens da. Aber diese Eltern, die keine Zeit für ihre Kinder hätten, abends genervt seien und sie im Urlaub in die Kinderbetreuung abschöben – das sind nämlich die wirklich schlimmen. Die, die ihren Kindern (absichtlich) schaden! Die Wellen der Empörung kochten hoch.
Ein gelbes Taxi als Symbolbild

Das Mama-Taxi als Zeichen von echtem Interesse und guter Bindung – echt jetzt?

 

Und ich klickte (Ziel erreicht, HuffPo), las und dachte nur: Echt jetzt? Denn natürlich ist der Artikel überzogen, wenn die Autorin behauptet, Kinder (Vollzeit) berufstätiger Eltern hätten keine Wurzeln. Natürlich kann ich mich frage, wie eine Erzieherin tickt, die behauptet, Kinder würden in die Kita abgeschoben. Aber das ist eben Huffington Post – da ist kein Platz für dezidierte Zwischentöne. Und über die Bedeutung von Taxi-Mamas und dem Filmen der Musikvorführung als Basis bzw. Gradmesser für eine funktionierende Bindung, kann ich nur müde lächeln.

Aber im Grunde genommen, stimme ich der Autorin zu.

  • Ich kann nicht arbeiten gehen und jeden Entwicklungsschritt meiner Kinder eng begleiten. Wenn etwas Tolles, Schlimmes, Aufwühlendes oder anderweitig Wichtiges passiert ist, werden es mir die Erzieherinnen schon weitergeben. Dafür sind Tür-und-Angel-Gespräche da! Ja, manchmal bin ich deswegen traurig – aber für mich und meine Familie überwiegen die positiven Aspekte.
  • Es gibt Kita- oder Vereinstermine, die mich stressen und auf die ich keine Lust habe. Ja wirklich! Entweder weil sie sehr früh am Nachmittag beginnen. Oder weil ich nun mal die fünf Minuten Aufführung meines Kindes toll finde – und in den anderthalb Stunden drumherum, lieber andere Dinge täte. Was ich nicht tue, weil es Kinder anderer Eltern sind, für die das die wichtigsten fünf Minuten sind.
  • Es ist passiert und es wird wieder passieren, dass ich nicht jeden Termin wahrnehmen kann. Dann nimmt sie der Papa wahr oder die Oma – oder in Ausnahmefällen auch mal niemand.
  • Auch gibt es Abende, an denen ich müde und genervt und gestresst bin. An diesen Abenden sind meine Geduldsfäden kurz und meine Nerven strapaziert. Ja, an diesen Abenden kommen meine Kinder vermutlich manchmal in ihren Wünschen und Bedürfnissen zu kurz.

Es ist nicht perfekt – aber es ist okay

Allerdings komme ich zu einem ganz anderen Schluss, als die Autorin. Nämlich zu dem, dass das okay ist. Es ist nicht perfekt. Aber wer ist das schon. Offensichtlich lebt die Frau auch in einer anderen Realität als ich. Denn wie oft erlebt ihr folgende Szene?

Und dann sitzen die Eltern auch oft im Kurs oder beim Spielen dabei und schauen zu. Der Papa filmt mit, die Mutter macht sich Notizen.

Vielleicht sind meine Kinder noch zu jung, aber sowohl beim Tanzen als auch beim Musikkurs werden Eltern hier konsequent rausgeschmissen. Würde ich anfangen, mir Notizen zu machen, hätte mich jede Kursleiterin, der ich bisher begegnet bin, vermutlich mindestens irritiert angeschaut. Aber vor allem: Oft genug ist Olli der einzige Mann der da sitzt – egal ob filmend oder nicht. Schon Kursnamen wie Mutter-Kind-Turnen sprechen doch Bände.

Zugegeben, als wir auf einen späteren Termin wechselten, waren auch häufiger mal Väter bei der Tanzschule. Aber im Grund genommen ist die nachmittägliche Bespaßung Förderung der Kinder meist die Aufgabe der Mütter. Selbst bei Aufführung in der Kita glänzen einige Väter durch konsequente Abwesenheit: Weil sie viel reisen, weil sie Schichtpläne haben, die lang im Voraus geschrieben werden und wenig bis keine Flexibilität erlauben, weil ihre Arbeitswege zu lang sind oder was weiß ich. Will ich auch gar nicht wissen: Es ist ihre Familie, ihr Weg. Es. geht. mich. nix. an.

Mit Schwung ins mütterlich, schlechte Gewissen

Daher lese ich den Artikel vor allem als einen weiteren Angriff auf berufstätige Mütter, selbst wenn er immer von Eltern schreibt. Denn das ist das einzige, was sich in den letzten Jahr(zehnt)en geändert hat: Das immer mehr Mütter arbeiten. Diese Artikel zielen direkt auf das bei den meisten Müttern sehr tief verankerte schlechte Gewissen.

Von diesen Artikeln habe ich inzwischen so viele gelesen, dass ich nur sagen kann: Vergesst es! Ihr kriegt mein schlechtes Gewissen nicht.

Und Eures sollten sie auch nicht kriegen. Ihr macht das toll! Jede und jeder von Euch – und zwar jeden Tag.

Weil wir alle jeden Tag das für diesen Tag Maximale aus uns rausholen.

Weil wir tolle Eltern sind und großartige Kinder haben, die uns auch unsere Schwächen und Fehler verzeihen.

 

Das wollte ich Euch nur kurz gesagt haben.

5 comments on “Schminkt es Euch ab!”

  1. Pippa Antworten

    Dieses gif macht mich kirre. Ist schon bei twitter ätzend genug. Aber bei einem längeren Text nicht auzuhalten.
    Traust Du Deinen verbalen Äußerungen nicht genug Überzeugungskraft zu?

  2. einglueck Antworten

    Jepp. Niemand ist perfekt und niemand muss es sein.

    Ja, manchmal muss man abwägen, ob eine „offene Stunde“ des Musikkurses wichtiger ist als das für den Nachmittag angesetzte Meeting. Und egal wie man sich entscheidet, wie gut einen Oma auf der einen oder die Kollegen auf der anderen Seite vertreten: Man würde gern beides machen. Geht aber halt nicht. Das zu akzeptieren und dann voll und ganz bei der Sache zu sein, für die man sich entschieden hat: Echt schwer. Da braucht man nicht noch Leute, die einem ein schlechtes Gewissen machen.

    Meine sechsjährige Tochter will mal Forscher werden („Nein, nicht Forscher! Ich werde ForscherIN!“) und so viel arbeiten wie ich (30 Stunden): „Weil dann hab ich auch noch Zeit für meine Kinder“. Gar nicht zu arbeiten ist für sie keine Option und das finde ich sowas von richtig und wichtig!

    Sie ist glücklich, ihr kleiner Bruder ist glücklich, wir Eltern sind glücklich.

    Ein schlechtes Gewissen sollte nur haben, wer anderen ihr Glück in einem anderen Lebensmodell nicht zugesteht.

    • Jette Antworten

      Applaus für Deine Tochter!

      Und was für ein tolles Kompliment. Danke für Deine Ergänzung.

  3. pialaurafroehlich Antworten

    Liebe Jette, klasse, was du da schreibst. Und ich glaube auch, dass es am besten ist, solche Beiträge mit Ignoranz zu bestrafen. Gerade zieht so ein Thema noch, aber in ein paar Jahren, oder zumindest in einem Jahrzehnt, kräht nach so einem Quatsch kein Hahn mehr. Jeder Mutter findet den richtigen Weg für sich. Andere für ihren abzukanzeln ist ätzend und sinnlos. Was wissen denn die Daheimbleiber über das Leben und die Beweggründe der arbeitenden Mütter? Und genauso ist es andersrum. Dieser Zickenkrieg ist fürchterlich und Foren, die für Klicks immer wieder dieselben Themen bringen, bestärken den Missmut unter Frauen. Erst neulich geisterte hier so eine Style-Mam durch meine Timeline, die mit dickem Konto im Backround predigte, dass Mütter selbstlos sein und zuhause bleiben sollen. Der große Aufschrei im Netz blieb aus – und das ist auch gut so. Keine Klicks für Mütterzoff! Danke für deinen Text, den ich sofort mal teilen werde. Liebe Grüße von Laura

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