Rettungsanker Routinen

An manchen Tagen wird die See der Elternschaft ganz schön rau - deshalb mag ich langweilige Routinen.

An manchen Tagen wird die See der Elternschaft ganz schön rau – deshalb mag ich langweilige Routinen.

Heute habe ich in der Bahn einen Artikel über Abtreibungen gelesen. Der Inhalt tut hier gar nichts zur Sache (und ich weiß nicht mehr wo, daher kann ich ihn euch nicht verlinken). Was ich aber sehr gut erinnere: Die 27-jährige Autorin hatte panische Angst mit einem Kind langweilig zu werden, auf Spielplätzen eingesperrt zu sein und für alle Welt ganz bestimmten Erwartungen entsprechen zu müssen. Gegen das Letzte, kann ich nix sagen. Das ist so. Mütter hat jeder, kennt jeder – jeder hat ne Meinung: Ist ein bisschen so wie Bundestrainer sein. Nur ohne die Reputation und/oder das Gehalt.

Die anderen beiden Dinge aber. Ich hatte lange genau die gleichen Sorgen. Aber, oho – liebe Autorin: Du weißt gar nicht wie toll diese langweilige Routine ist! Was für Dich wie die personifizierte Spießigkeit aussieht ist mein Strohhalm! Mein Rettungsanker in der stürmischen See von Elternschaft, Erwartungen und Vereinbarkeit.

Alles auf Anfang – der Januar

Die letzten Tage und Wochen waren schwierig. Olli hat seinen neuen Job angefangen und war zur Einarbeitung ins Headquarter, wie das jetzt so schön heißt. Mittelfristig wird er wieder, wie schon gehabt, in Teilzeit vom Homeoffice aus arbeiten. Aber für die letzten drei Wochen waren wir hier unter der Woche ein reiner Mädelshaushalt. Das diese Zeit anders werden würden, war klar. Aber wie schwierig es sein würde, das hatte ich unterschätzt.

Ich höre Euch schon kichern, Euch Frauen von Unternehmensberatern oder Männern auf Ölplattformen. Wohingegen die Energie der Alleinerziehenden vermutlich gerade noch ausreicht, entnervt die Augen zu rollen und zum nächsten Artikel zu klicken. Das weiß ich ja! Schließlich finde ich eine der schönsten Sachen an Blogs, dass man einen Blick in das Leben anderer werfen kann.

Vielleicht war ich deshalb so erstaunt, dass ich so ko war bin. Vielleicht habe ich deshalb so lange gebraucht, zum zu verstehen, was mich so schafft. Denn ich war ja bei weitem nicht allein: Die weltbesten Schwiegereltern haben mich maximal unterstützt. Da sie darüber hinaus einen neuen, kleinen, sehr niedlichen Hundewelpen haben, wurde ich jetzt nicht direkt vermisst. Woran liegt es also?

Nicht nur Kinder brauchen Routinen

Olli beim Einkaufen mit Einhalb im Kinderwagen.

Einkaufen ist bei uns häufig auch so ein Papa-Ding – hier ein Archivbild.

Unsere Töchter sind 2 und 6 Jahre alt. In Entwicklungsstufen haben wir ein kleines Kind in der beginnenden TrotzAutonomiephase und ein größeres Kind in der Vorschul-„Nicht Fisch nicht Fleisch“-Phase. Mit anderen Worten: Beide hängen sie sehr an ihren Routinen. Zu denen gehört bei uns zu einem ganz wesentlichen Teil ihr Vater. Morgens beim Frühstück, beim Anziehen, beim QuatschaufderWickelkommode. Abends beim Vorlesen, Zähne-Nach-Putzen…

Ich hänge übrigens auch an den Routinen! Meine ganze Zeitplanung morgens beruht darauf, dass bestimmte Dinge von Olli übernommen werden. Meine routinierte Aufgabe in dieser Familie besteht in der letzten halben Stunde, bevor wir das Haus verlassen daraus, die Eltern-Klaviatur aller Versionen von „Schatz, du musst dich jetzt langsam mal anziehen“ bis zu „JETZT.ZIEH.DICH.ENDLICH.AN“ zu äußern. Mal mehr mal weniger kombiniert mit Klamotten-raussuchen oder – wenn es echt richtig eng wird – Anzieh-Hilfe.

Aber eigentlich bin ich damit beschäftigt, nicht vor Wut zu weinen, wenn mein Lieblings-Rock in der Wäsche ist, die Unterlagen für den Spielzeugtag „Büro“ zusammen zu suchen und darauf zu achten, dass nicht nur Lidschatten, sondern auch Mascara mich wacher wirken lässt als ich bin. Ich bin schon ohne Mascara los und keiner hat’s gemerkt und/oder angesprochen. 

Und das ist schon anstrengend genug.

Wenn diese Routinen wegfallen ist es egal, wie viele Klamotten-Häufchen ich abends rausgelegt habe, wie viele Brotdosen ich vorbereitet habe – früher oder später ist Chaos:

Oder wie sagte die große Tochter heute zu mir:

Mama, es war auch echt schön, nur so mit Dir. Aber ich bin froh, wenn Papa, wieder da ist!

Ich auch mein Kind, ich auch. Denn auch wenn ich selbst mal dachte, ein Leben, so voller Routinen wie meines heute, sei maximal langweilig, so denke ich heute viel – aber ganz sicher nicht, dass mir langweilig sei!

 

Nachtrag: Ich habe den Text wieder gefunden. Es war der Artikel von Paula auf Kleinerdrei.

7 comments on “Rettungsanker Routinen”

  1. Pingback: Meine #Freitagslieblinge – fünf Bilder für fünf Tage – 27. Januar 2017 – bilder.grossekoepfe.com

  2. Vanessa Antworten

    Also ich kann das verstehen, obwohl bei uns die Situation ganz anders ist. Morgens keine Hilfe und auch sonst nur am Wochenende durch den Mann da er um 6 schon draußen ist und erst um 6 heim kommt. Wenn man es anders kennt dann vermisstt man sas natürlich und das geht sehr an die Substanz. Wenn der Mann z.B Url hat und wenns nur eine Woche ist dann ist das morgens schon wie das Anziehkümmerparadies, ich kann das also gut nachvollziehen. Haltet durch!

    • Jette Antworten

      Däne für die lieben Worte. Und Respekt für’s morgens alleine wuppen. Der Morgenmuffel in mir findet das sehr, sehr schlimm.

  3. Katja Antworten

    Meine liebe Jette!

    Ja, man merkt erst dann, was man an den vermeintlich langweiligen Routinen hat, wenn sie wegfallen! Und was man an seinem Partner hat, der diese Routinen übernimmt. Bei uns steht die umgekehrte Situation vor der Tür – Micha hat ab Geburt vier Wochen Urlaub und jetzt schon Respekt vor den Aufgaben, die normalerweise ich übernehme. Gut, dass wir mal wieder einen kleinen Rollentausch haben! 🙂

    Liebe Grüße vom Rhein an den Main
    Katja

    • Jette Antworten

      Rollentausche (schreibt man das so?!) und das gelegentliche Wegfallen von Routinen sind schon auch wichtig. Von wegen „try walking in my shoes“ und „you don’t know what you got ‚til it’s gone“ und so. Alles Gute für den Endspurt!

  4. Ulf Moritz Antworten

    Eltern sein wird langweilig, wenn alles die Kinderfrau und das übrige Personal macht. Dann geht man trotz sieben Kindern in die Politik und die Bundeswehr wird Familienfreundlich. Scherz beiseite. Es gibt kaum etwas, was abwechslungsreicher ist, als ein eine Familienleben. Manchmal sind die Abwechslungen sogar geplant. Meistens Überraschungen. Und dann werden die Routinen üb erlebenswichtig.
    Weiter viel Spaß mit euren tollen Kindern!
    Ulf

    • Jette Antworten

      Danke für die lobenden Worte bzgl der Kinder. Die haben offensichtlich mitgelesen und haben sich heute Morgen ganz ausgesprochen kooperativ verhalten.

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