Ich kann nicht, ich will nicht, ich werde nicht

Wer uns auf Twitter folgt, hat es schon mitbekommen: Wir haben Stress mit unserem Nachbarn. Einem jungen Paar, das bisher kinderlos war. Schon länger gab es immer mal wieder Beschwerden, in letzter Zeit ist es allerdings eskaliert. So sehr, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem professionellen Kontext einer Anwältin gegenüber saß. Wie es dazu kam und was passiert ist? Lest selbst.

Das Problem ist immer das Gleiche: Wir – also vor allem unsere Kinder – sind zu laut. Obwohl das Haus keine 5 Jahre alt und mit Fußbodenheizung ausgestattet ist, scheint die Trittschalldämmung suboptimal zu sein. Um das jetzt mal ganz neutral auszudrücken.

Häuser im Sonnenuntergang

Wir wohnen gar nicht so dicht – aber für manche schon zu dicht. Dabei sind wir meistens ganz nett.

Verschärfend kommt hinzu, dass er häufig Nachtschichten arbeitet. Dann geht er ins Bett kurz vor oder gerade wenn wir aufstehen. Wenn ihn das Getrappel der zarten Kinderfüßchen dann nicht schlafen lässt, kommt er hoch, klingelt Sturm, schreit uns an und zischt wieder ab bevor man was sagen kann.

Wobei: Er fand auch schon am Samstagnachmittag um 3 Uhr, meine Kinder hätten leiser zu spielen oder brüllte andere Kids auf dem Hof an, sie sollten beim Fußballspielen weniger Krach machen. Wenn ich es mir einfach machen wollen würde, würde ich sagen, er hasst Kinder. Aber das ist es nicht. Ich glaub, er kannte sie bisher nur nicht so aus der Nähe – und er hält uns für inkompetente Eltern.

Die Kinder der anderen

In gewisser Hinsicht, kann ich ihn sogar sehr gut verstehen. Also, jetzt was das Genervtsein durch Krach angeht. Als Eltern halte ich uns so durchschnittlich kompetent. Nicht besser als andere – aber eben auch nicht schlechte.

Olli und ich haben auch schon in schlecht isolierten Wohnungen gewohnt, sehr oft sogar. Mit Kindern, die ihre Autos frühmorgens auf Heizungsrohren lang fahren ließen (schallt gut). Mit Damen, die jeden Morgen erst 30 Minuten ihre HighHeels „warm laufen“ mussten, bevor sie das Haus verlassen. Mit einem Nachbarn, der so laut nieste, dass mal ein Besucher vor Schreck fast vom Sofa fiel, weil er dachte, jemand steht hinter ihm. Wenn ich ganz ehrlich bin: Mir sind Kinder auch heute noch häufig zu laut. Dabei macht es nur einen geringen Unterschied, ob es die eigenen oder fremde sind.

  • Wenn ich frühmorgens mit einer aufgeregten Horde Grundschüler in der Bahn fahre, ist es mir zu laut.
  • Wenn ich versuche Zweihalb ins Bett zu bringen und draußen bespritzen sich die Teenies kreischend mit Wasser – ist es mir zu laut.
  • Wenn meine Kinder sich morgens vor dem ersten Kaffee Tee um einen Ball streiten, mit dem sie eh nicht in der Wohnung spielen dürfen, ist es mir zu laut.

Ihr versteht, was ich meine, oder? Aber – ich schreie sie nicht an! Naja, zugegebener Maßen, passiert mir das leider bei den eigenen schon manchmal – wohl wissend, wie absurd es ist, zu schreien, dass es ruhiger sein soll. Aber keine fremden Kinder.

Niemals!

Klar sind Kinder anstrengend und, siehe das Geständnis aus dem vorvorletzten Satz, wir sind alle nur menschlich und haben auch unsere Belastungsgrenzen.

Ein Drama in 20 Minuten

Was ist nun passiert? Es war eines schönen Morgens und zweihalb sauste von Frühstückstisch, an dem ihr Vater und ihre Schwester saßen, zu mir ins Bad, wo ich schon mit Zähneputzen und anmalen beschäftigt war. Dann sauste sie wieder zurück. Und wieder hin … Später terzte Einhalb ein wenig, weil sie ein Kleid anziehen wollte, was in der Wäsche war. Konnten wir allerdings relativ schnell abbügeln. Offensichtlich nicht schnell genug für den Nachbarn: Er klingelte.

Keiner öffnete, weil wir a) einen Türspion haben und b) sich bei uns die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass wir uns ungern vor acht Uhr destruktiv anschreien lassen.

Er klingelte noch mal.

Keiner öffnete.

Er ging runter und schmiss die Tür heftig zu, dass vermutlich auch der Rest des Hauses wach war.

Wir machten uns fertig und verließen alle zusammen etwa 15 Minuten später die Wohnung. Olli mit Zweihalb auf dem Arm vorweg, ich und Einhalb kurz dahinter. Da ich was vergessen hatte und noch mal umkehrte, blieb mir das ganze Dramolett erspart. Sicher ist: Kaum hörte er uns, stürzte unser Nachbar aus seiner Tür, baute sich drohend vor Olli (und Zweihalb) auf und schrie die beiden an. So laut, dass man meinen konnte, er platzt gleich. Oder er schlägt zu. Der Wortlaut war zu fies, als dass ich ihn hier wiedergeben möchte. Auch wenn ich ihn vermutlich nicht so schnell vergesse.

Freistehendes Haus ohne Nachbarn

So ganz ohne Nachbarn ist vielleicht idyllisch – aber auf Dauer doch eher einsam.

Das Ende vom Lied

Ehrlich gesagt haben wir nur sehr kurz überlegt, ob wir noch mal das Gespräch suchen sollen. Wir können nach dem, wie wir das Paar und insbesondere ihn, kennengelernt haben, nicht davon ausgehen, dass unser Verhalten irgendwie auf Verständnis oder Akzeptanz stößt. Zumal, was haben wir denn gemacht? Wir haben gelebt. Als berufstätige, vierköpfige Familie. Auch können wir an der Situation mit der Trittschalldämmung nix ändern.

Wir wollen unsere Wohnung nicht mit dicken Perserteppichen auszulegen, noch unseren Töchtern Wolldecken an die Füße tackern und/oder sie täglich drölfzigtausend Male erinnern, doch bitte leise zu sein.

Wir werden uns nicht von Dienstplänen und oder Ruhebedürfnissen unserer Nachbarn unser Leben diktieren lassen. Rücksichtnahme und Respekt sind toll, aber beide müssen gegenseitig erfolgen. Wildes Ausrasten, Kindern Angst einjagen und sich benehmen wie die Axt im Wald gehören weder zum einen, noch zum anderen.

Also sind wir direkt zur Anwältin gegangen. Sie hat in unserem Auftrag einen netten aber bestimmten Brief geschrieben. Seither ist es ruhig. Wir waren allerdings auch im Urlaub.

Nachwehen

Zweihalb hat sich zum Glück nicht davon einschüchtern lassen, dass ein halb nackter Mann einen Meter vor ihr wild rumschreit. Einhalb hat länger gebraucht: Sie wollte am liebsten direkt ausziehen. Es hat bestimmt zwei Wochen gedauert, bis sie wieder alleine an der entsprechenden Wohnungstür vorbei gehen mochte. Noch heute fragt sie oft nach: „Aber was ist, wenn das und das passiert und er hochkommt?“

Ich kann sie verstehen: Auch ich lebe hier nicht mehr so unbeschwert wie vorher. Tobe nicht mehr so wild mit den Mädels und bin schneller gereizt, wenn sie laut sind. Dabei mag ich unser Leben wie es ist. Ich möchte meine Töchter genauso bunt, so wild  und eben auch so laut haben.

Lange wollte ich wieder einen Frieden, inzwischen bin ich mit dem Waffenstillstand zufrieden. Seit Kurzem sind die beiden Eltern. Ich bin gespannt, ob sie – wenn ich sie in 10 Jahren fragen würde – verstehen würden, warum das so ist.

Lass dich nicht unterkriegen. Sei wild und frech und wunderbar.

Astrid Lindgren

Wie ist das bei euch? Hattet ihr schon mal Streit mit den Nachbarn? Wie hat sich das gelöst?

11 comments on “Ich kann nicht, ich will nicht, ich werde nicht”

  1. Christina Antworten

    Großartig, dieser Respekt vor seinen Mitmenschen, der einem abhanden kommt, sobald die eigene Brut da ist!
    Und dabei fragen Sie sich ernsthaft, warum immer weniger Menschen Kindern Akzeptanz gegenüberbringen?

  2. Mama im Spagat Antworten

    Liebe Jette, oje, ja wir kennen das leider auch , nur das unsere Nachbarn ziemlich sicher keine Kinder mehr bekommen werden. Und mir geht es echt auch so, dass ich nun immer ein bißchen mehr darauf bedacht bin, dass die Kinder nicht allzu lange zu laut sind. Manchmal ist das so ok (da auch mir die Kinder zu laut sind), manchmal habe ich aber auch so gar keine Lust, mich und v.a. auch die Kinder so einschränken zu lassen. Jetzt im Sommer läuft es mit den Nachbarn gut, da wir ständig draußen sind. Bin gespannt, wie es im Herbst wird… Euch wünsche ich, dass eure Nachbarn ruhig bleiben. Vlg, Nadja

    • Jette Antworten

      Liebe Nadja,
      das tut mir leid, dass es bei euch auch so unrund läuft. Ich drück uns und unseren Lieben allesamt die Daumen. 🙂
      LG
      Jette

  3. Annett und Sven mit Alina Antworten

    Hallo, Ihr Lieben, das tut mir leid, dass das nun mit R. so eskaliert ist. Konnte A. denn nicht mal ein bißchen vermitteln oder hält sie sich wie bisher einfach nur raus? Mir tut ehrlich gesagt, der Nachwuchs der beiden leid, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass R. sich so schnell ändert. Hoffentlich habt ihr mehr Frieden jetzt nach dem Schreiben des Anwalts. Traurig, dass man erst solche Schritte einleiten muß.

    Mich würde interessieren, wie denn die anderen Eltern/Nachbarn reagieren, wenn ihre Kinder angeschrien werden? Die Dame gegenüber im Erdgeschoss links wird sich ja wohl auch nichts gefallen lassen und unsere Nachfolger in der Wohnung wohl auch nicht?

  4. Lindebluete Antworten

    Da kann man nur hoffen das sein eigenes Baby nie schreit und er dann so ausrastet und schlimmes passiert. 😱

    • Jette Antworten

      Wie gesagt, ich glaube nicht, dass er Kinder per se doof findet. Meine Kinder hat er bisher auch nie direkt angeschrien – nur ihre vermeintlich inkompetenten Eltern. 😉

  5. Dr. Mo Antworten

    Oj, was ist das für ein rücksichtsloser Choleriker. Da würde ich wohl auch nur sprachlos davor stehen. Streit hatten wir mit unseren Nachbarn zum Glück nie, aber ich habe mich wirklich mal ganz naiv gesorgt, ob das Kind (über mir) vielleicht in Not ist. Als erfahrene Mutter weiß ich heute, es waren nur die üblichen Ausraster, die Kinder manchmal haben (etwa weil man ihnen einen Schlafanzug anzieht oder so). Als wir allerdings in unsere jetzige Wohnung eingezogen sind, haben wir uns schon sehr gewundert, wie laut Kinder sein können. Ich war schon ziemlich schwanger und der Mann und ich schauten immer ehrfürchtig die Zimmerdecke an, die vom Springen und Toben bebte. Angesprochen haben wir das (natürlich) nie. Sind eben Kinder! Dafür wohnt unter uns ein freundliches Ehepaar, dass steif und fest behauptet, es würde unseren Rabauken nicht hören. Eine glatte Lüge! Aber so lieb.
    Hoffentlich hat das Gebrüll ein Ende. Ich wünsche es euch. Liebe Grüße

    • Jette Antworten

      Oh je, das stimmt, dass hatte ich vergessen. Ich habe mal ein Päckchen bei einer Nachbarin abgegeben, während ihr Mann versuchte dem knapp dreijährigen Sohn die Haare zu waschen. Ein Glück, dass ich nix gesagt habe. 😉

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