Ist es wichtig, wer es sagt?

Über die Aufmerksamkeit für Autoren und Themen

Heute machen wir mal einen kleinen thematischen Schwenk. Denn heute geht es mal um euch: Die LeserInnen von Elternblog(s) und um uns, die Blogger. Wobei das uns jetzt nicht nur Olli und mich umfasst, sondern ausnahmsweise mal mehrere. Dieser Artikel ist nämlich das Ergebnis einer Diskussion auf Twitter. Und am Ende brauche ich eure Hilfe. Aber fangen wir vorne an: 

Bloggender Papa trifft ’nen Nerv

Letzte Woche hat Steffen Pelz an dem letzten Krankheitsbeispiel seines Sohnes aufgezeigt, warum das System des Krankengelds bei „Kind krank“ völlig absurd ist. Oder wie Einhalb ihr neues Lieblingswort einbringen würde „hirnrissig“ (ich glaube, sie fährt zu oft mit Opa im Auto). Der Artikel hat ziemlich schnell Wellen geschlagen. Er wurde oft geteilt und bisher schon über 400 mal kommentiert (Stand Abend des 29.Oktober). Den ganzen Artikel könnt ihr hier nachlesen. Am nächsten Tag kommt eine Ergänzung aus der Sicht einer Alleinerziehenden von Petra bei Allerlei Themen. Ihr Artikel hat bisher übrigens acht Kommentare, von denen einige die Autorin heftig angehen. (Der Vollständigkeit halber muss man sagen, dass Steffen allerdings auch die Twitterdiskussionen in seiner Kommentarspalte abbildet, Petra nicht).

Petras Artikel wurde von Frau Naijn auf Twitter wie folgt geteilt:

Und schon war die Diskussion in Gang, ob es denn nicht egal sei, wer die Artikel schreibe, so lange der Text einen Finger in die Wunde legt. Im ersten Moment saß ich vor dem Rechner und nickte ganz heftig mit dem Kopf. Aber dann warf Melanie das Wort der „Aufmerksamkeitsökonimie“ in den Raum (keine Ahnung, wie sie das in 140 Zeichen schafft, sie tut es einfach). Und da stand ich nun …

Prestige und Prominenz, Reputation und Ruhm

Weil wir jetzt schon fast an der magischen 300 Wort Grenze sind und ich euch nicht langweilen möchte: Stark verkürzt geht die Ökonomie der Aufmerksamkeit davon aus, nicht mehr der Zugang zu Informationen sei begrenzt, sondern nur noch unsere Aufmerksamkeit. Eltern kennen das – aber zurück zum Thema. Bei begrenzter Aufmerksamkeit werden die vier oben genannten Begriffe wichtig: Sie sind nämlich die Faktoren, was unsere Aufmerksamkeit steuern.

Frauen in Machtpositionen haben Vorbildfunktion - hoffentlich mehr als nur modische.

Frauen in Machtpositionen haben Vorbildfunktion – hoffentlich mehr als nur modische.

Auf unser Beispiel kann man es nun wie folgt übertragen: Wir alle sind es von klein darauf konditioniert, dass Männern wichtig sind und wichtige Dinge sagen. Geschichten, Film, Politik – in unseren Breitengraden sind die einflussreichen Personen vornehmlich ältere, weiße Männer. Ich bin wirklich gespannt, ob und wie Madeleine Albright, Christine Lagarde, Angela Merkel, Hillary Clinton und Michelle Obama langfristig Wahrnehmungen und Einstellungen verändern.

Applaus, Applaus – oder lieber doch nicht?

Es gibt aber noch einen zweiten Aspekt: Väter bekommen immer noch mehr (positive) Aufmerksamkeit für Eltern-Dinge als Mütter. Um den ausgelutschten Klassiker zu bringen stellen wir uns nun alle kurz die gängigen Reaktionen gegenüber einer Mutter und einem Vater vor, die je sechs Monate Elternzeit nehmen. Ihr merkt, worauf ich hinaus will, oder?

Gerade am Anfang unseres Blogs konnten wir feststellen, dass Olli viel mehr Kommentare, Ermunterungen und Anerkennung für den Blogstart kriegte, als ich. Seine Artikel werden im übrigen auch immer noch schneller geklickt als meine.

Ein ähnliches Geschlechterverhältnis bei FB: Bei 265 Halbe Sachen-Fans und über 1.400 Jochen König-Fans.

Ein ähnliches Geschlechterverhältnis bei FB: Bei 265 Halbe Sachen-Fans und über 1.400 Jochen König-Fans.

Allerdings werden die Halben Sachen vor allem von Frauen gelesen und kommentiert (gerne würde ich euch aktuelle Zahlen zeigen, aber *hüstel* soeben habe ich festgestellt, dass es unser Google Analytics zerschossen hat). Auf Facebook sind 90 % unserer „Fans“ weiblich und 8 % Männer. Das stimmt so in etwa mit den Facebook-Daten von Jochen König überein, die er in einer älteren Twitter-Diskussion genannt hat. Leider gibt es keine offiziellen Facebook Zahlen zum Geschlechterverhältnis aller deutschen Facebook-Nutzer. Von einem anderen Väter-Blog weiß ich, dass es etwa 60 % Leserinnen hat. Und auch die sehr etablierte Sarah von Mamaskind hat mal auf FB oder Twitter berichtet, wie der (wirklich außerordentlich schön geschriebene) Artikel ihres Trauzeugen, wie er zum Vater wurde, ihre Statistik deutlich nach oben trieb.*

Erziehung bleibt weiblich

Eigentlich bin ich angetreten, die in der Überschrift gestellte Frage zu verneinen. Die Argumentation wäre in etwa so verlaufen, dass es wichtig ist DASS Familien gehört werden. Das die vielfältigen Probleme, mit denen Familien sich auf so vielen Ebenen konfrontiert sehen, gehört werden. Wenn es nun mal dazu weiße, mittelalte Männer braucht – bitte.

Wie oben schon erwähnt, haben Männer aufgrund „gesellschaftlicher Umstände“ Frauen gegenüber noch immer einen Vorsprung. Wenn sie wollten, könnten sie sich sehr gut verschanzen, gegen die doofen Emanzen, die auf einmal auch Teile vom Kuchen haben wollen und plötzlich behaupten, sie seien gar nicht per se besser auf dieses Elterndingend vorbereitet. Wenn sie allerdings auch „aus den eigenen Reihen“ attackiert werden, wird es bedeutend schwerer.

Lasst uns doch die zusätzlichen Männer-Stimmen als Trittleiter nutzen: Hauptsache, wir müssen nicht noch weitere Jahrzehnte warten, bis sich wirklich etwas ändert. Ich erinnere mich, dass ich in meinem jugendlichen Leichtsinn – so etwa mit 16/17 Jahren – meiner Mutter vorwarf, sie solle jetzt mal aufhören mit ihrem feministischen Quatsch zu nerven. Ich könne es nicht mehr hören und überhaupt, braucht das heute keine mehr. 20 Jahre später sehe ich das allerdings etwas anders.

Wenn sich jetzt also überwiegend Frauen im Netz mit Erziehungsfragen beschäftigen und scharenweise die sichtbaren Leuchtturm-Väter dafür feiern, dass sie Elternzeit nehmen, den Müll rausbringen und sich frei nehmen, wenn die Kinder krank sind – ändert das was? Außer Ruhm, Reputation, Prestige und Prominenz eben dieser Leuchtturm-Väter? Was wiederum mehr der immer knapper werdenden Aufmerksamkeit auf sich zieht.

So ein Facebook-Like ist schnell geklickt, auch ein Artikel ist schnell geteilt. Aber wirklich gesellschaftlich etwas ändern tut sich doch erst, wenn die Frauen scharenweise ihren Männern sagen:

notfine

Ins Wasser fällt ein Stein

Trotzdem bleibe ich bei dem Schluss, dass die von mir so despektierlich benannten Leuchtturm-Väter gut sind. Denn jede Familie, die ihren Weg sucht,  jeder (werdende) Vater, der überlegt wie das Vater-sein wohl sein wird, jede Frau, die aus ihrem direktem Umfeld in eine Richtung gedrängt wird, in die sie eigentlich nicht will – all diese Menschen, finden hoffentlich Anregung, Unterstützung und Zuspruch im Netz. Von anderen Menschen, die diesen Weg schon vor ihnen gegangen sind.

Gesellschaftlicher Wandel passiert nicht von heute auf morgen. Er braucht Zeit und muss wachsen. Aber Texte können Veränderungen bewirken. Daran glaube ich! Ganz genau wie in dem Lied: Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise, und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise.

wassertropfen

Ich wünsche mir ein miteinander Einstehen für Themen. Daher werde ich auch zukünftig Artikel männlicher Autoren liken, kommentieren und teilen, wenn ich sie wichtig finde. Für das richtige Thema bin ich gern einer dieser weiten Kreise.

Sollte sich allerdings irgendein Papa öffentlich dafür feiern, dass er das Baby in aller Herrgottsfrühe zwei Stunden durch den Park geschoben hat, damit die Mama noch schlafen kann – dann klicke ich einfach stumm weiter. Und hoffe, dass es immer mehr (Frauen) mir gleich tun.

Eure Jette

 

Wie seht ihr das? Welche Rolle spielt das Geschlecht des Autors für die Aufmerksamkeit für einen Text? Kann es den Frauen eher nützen oder schaden, wenn sich Väter für „klassische Frauenthemen“ einsetzen? Ich bin sehr gespannt.

 

Ach, und falls ihr noch was an dem Geschlechter-Verhältnis unserer Facebook-Seite ändern oder es festigen wollt: Bitte klickt diesen formschönen Link an.

Mehr zur Aufmerksamkeistsökonomie könnt ihr übrigens in diesem etwas älterem Artikel speziell fürs Netz nachlesen.

*Eine frühere Version behauptete, der Artikel sei von ihrem Mann geschrieben worden.

8 comments on “Ist es wichtig, wer es sagt?”

  1. Eva-Catrin Reinhardt Antworten

    Ich denke, dass Männer in unserer Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit und einen größeren Vertrauensvorschuß bekommen. Bestes Beispiel: Ich bin Unternehmerin und hatte mich mal stark mit einem Handelsvertreter vergriffen. Er stellte sich im Nachhinein als Betrüger und Hochstapler heraus, aber es war interessant, dass wenn er meine Firma vorstellte alle in Demut versanken und die tolle Idee lobten , wenn ich aber selber es tat ich eher Kritik und Skepsis von allen Seiten erntete. Sehr komisch und ärgerlich, zumal er sich nur als leere Präsentationshülle herausstellte und nichts wirklich bewegte. Ich denke das ist auf allen Ebenen so, Männer werden anders wahrgenommen und daran sollten wir etwas ändern. Vielleicht mit einer Werbekampagne: Bild hübsche Frauen : Wir sind blond und können beißen. Ich finde es grrrrrrrr, macht mich wirklich alles wütend.

  2. 2KindChaos Antworten

    Ein wichtiger Artikel. Ich sehe das Phänomen auch – ab und an bloggt bei uns ein Papa und diese Artikel kriegen gleich eine enorme Aufmerksamkeit, während die Mamablogger (meine Artikel inklusive) oft eher versanden. Schade und ärgert mich ehrlich gesagt auch ziemlich. Im Umkehrschluss muss ich zugeben, dass ich auch eher mal einen Papa Artikel lese, einfach weil es eher ins Auge fällt. Nicht, weil ich denke, der hätte mehr zu sagen. Man will einfach wissen, was er zu sagen hat und ob man sich drüber aufregen muss 😉 Auch durch andere Medien werden Papa Blogs schnell hoch gehyped und das ist sehr nervig… mäh! Danke für’s Zum – Nachdenken – Bringen!

    • Jette Antworten

      Ich hab beim Schreiben an euch gedacht. Aber es war zu spät, um nach deiner Einschätzung zu fragen. Lieben dankbar deine Ergänzung.

  3. kinderhabenblog Antworten

    Ich teile und kommentiere genau wie du auch dann, wenn ich die Inhalte gut oder wichtig finde, mache da also keinen Geschlechtsunterschied. Mir ist aber auch schon aufgefallen, dass Texte von Männern immer total gut ankommen und ich habe mich schon oft gefragt, warum.

    Vielleicht macht es einfach der Seltenheitswert aus? Andererseits: Würden Artikel von Frauen, sagen wir zum Beispiel in Handwerker- oder Auto-Blogs, also einer männerlastigen Szene, ebenfalls häufiger geklickt? Kann ich mir kaum vorstellen.

    Ich für meinen Teil hoffe immer, dass diese allgemeine Rumbewunderei, wenn Männer sich in der Familie engagieren, irgendwann mal aufhört. Hoffentlich befinden wir uns momentan einfach noch in einer Umbruchphase. Und bald kräht kein Hahn mehr danach, welcher Super-Papa sein Kind einmal pro Woche zum Fußballtraining bringt. Hoffentlich.

  4. Sandkuchen-Geschichten Antworten

    Ja, ich glaube auch, dass Frauen für ihre Texte in der Regel härter um Aufmerksamkeit kämpfen müssen als Männer. Und ich wollte auch nie Feministin werden. Aber ich glaube, ich bin auf einem guten Weg da hin …

  5. dasnuf Antworten

    Beachtung zu messen ist schwierig. Du hast es ja erwähnt, aber die hohe Anzahl der Reaktionen unter dem männlichen Artikel sind in dem einen Fall einem Indieweb-Plugin geschuldet, das einfach alles einsammelt was eine Referenz „schickt“.

    Das andere ist: wie sich etwas verbreitet ist auch abhängig von den Multiplikatoren.

    Ich hab den Artikel gestern gelikt und geteilt mein Tweet wurde 51x gefavt und 47x geretweetet.
    (D.h. einen Teil der Aufmerksamkeit bekommt er auch durch einen weiblichen Multiplikator)

    Wie dem auch sei.
    Unterm Strich hast du recht.

    Aber ich würde auch diese Unterscheidung machen, die Du machst. Prinzipiell ist es wichtig Verbündete zu suchen, die das selbe Ziel haben. Geschlecht egal.

    Argh. Das wird zu lang. Ich blogge was dazu.

    Danke für deine Zusammenfassung jedenfalls.

    • Jette Antworten

      Liebe Patricia, gern geschehen. Es geht auch gar nicht gegen Steffens Artikel, den fand ich auch sehr gut.
      Und klar, kriegst du viele Favs und Retweets: Bei Dir greift ja auch der Faktor „Prominenz“ – wenigstens für die (Eltern)Bloggerszene. 🙂
      Auf deinen Beitrag bin ich sehr gespannt, da du eine etwas weitere Filterbubble hast und schon lange dabei bist.

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