Ich nehme mir nicht frei!

Nachdem die letzten Wochen ziemlich vollgestopft waren mit Arbeit und Arbeit, nachdem der Winter hier überwiegend grau und nass war, nachdem unsere Kinder in unterschiedlichen Virenzuchtstationen den Tag verbrachten, ist passiert, was passieren musste: Ich bin krank. So richtig mit Fieber und allem. Was wirklich selten passiert und mich unausstehlich macht.

Für das Wochenende sagte ich alle Veranstaltungen ab und legte mich hin. Der Mann übernahm Haushalt und Kinder. Am Montag ging ich dann zum Arzt – eigentlich nur um den Husten abklären zu lassen, der mich nachts nicht schlafen lässt – und zack: die ganze Woche krank geschrieben. Wieder zuhause, telefonierte ich mit dem Chef, legte mich ins Bett und der Mann übernahm Haushalt und Kinder. Und ich? Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Warum eigentlich?

Vielleicht wegen Werbung wie dieser:

Entschuldigung, wie bekloppt bin ich denn bitte?

ICH. NEHME. MIR. NICHT. FREI! Ich habe Fieber und liege mit Schüttelfrost im Bett und ich versuche zu schlafen. Was nicht funktioniert, weil ich so viel husten muss, dass ich mittlerweile Muskelkater im Bauch davon habe. Das ist von Freihaben ungefähr so weit entfernt wie die Vermutung meines damaligen, offenbar schon leicht senilen Hausarztes, dass Mutterschutz (wir reden von 7 Wochen post partum) „Urlaub“ sei.

Natürlich finden meine Kinder das doof, dass ich da bin und trotzdem nicht permanent Spielen, Kuscheln und Vorlesen möchte.

Und wisst ihr was: Ich finde das auch doof! Aber noch viel doofer finde ich diese Werbung, die Müttern wieder einmal erzählt, wie sie zu sein haben. Nämlich: Dass die gute Mutter immer für die Kinder parat steht, die eigenen Bedürfnisse und die des kranken Körpers hinten anstellt.

Kranksein braucht Zeit

Voll lustig, dieses "frei haben".

Voll lustig, dieses „frei haben“.

Die Signale des Körpers zu ignorieren, ist natürlich in erster Linie hochgradig ungesund: Mir wurde gerade wieder von meiner Ärztin eingeschärft, erst ab 39 Grad zu Fiebersenkern zu greifen. Fieber ist an und für sich erst einmal nix Schlimmes und hilft dem Körper beim Gesundwerden. Fiebersenker und Pseudo-Ephidrin (der ominöse „spezielle Wirkstoff“ zum Abschwellen) bekämpfen ja nicht die Erkältungsverursacher, sondern lindern nur die Symptome. Ganz krass vereinfacht: Man fühlt sich zwar besser, aber der Körper ist genauso krank wie vorher auch. Deshalb ist so gerne auch noch Koffein ein Zusatz dieser Kombi-Präparate.

Lässt die Wirkung der Medikamente nach, ist man wieder krank. Ob sich jetzt tatsächlich die Erkältungsbakterien/-viren in der Zeit fröhlich weiter vermehren und man hinterher noch kränker ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall fühlt man sich hinterher schlapper, weil man einfach viel zu viel geleistet hat – und sei es „nur“ einen Schneemann bauen.

Bevor jetzt die Einwände kommen: Ja, ich habe das auch schon gemacht. Ja, die sind echt toll und man fühlt sich wirklich viel, viel besser. Ja, in Ausnahmefällen geht es nicht anders. Aber eben nur dann: in AUSNAHMEN. In diesen besonderen Situationen tut es dann aber vielleicht auch gemeinsames Malen oder ein kleiner Spaziergang und nicht das Bauen eines Pinterest-würdigen Schneemannes, der mein Kind noch um anderthalb Köpfe überragt.

Mütter sind Vorbilder

Jetzt kommt ein Argument, das eigentlich immer passt: Bei Tischmanieren, Verkehrsregeln, Umgang mit anderen Menschen und eben auch hier, im Umgang mit Medikamenten und mit Signalen bzw. klaren Ansagen des eigenen Körpers. Wir sind die Vorbilder unserer Kinder.

Als ich mich neulich über dämliche, Klischee-beladene Lieblingslieder (Mädchen gegen Jungs, Bibi & Tina) der großen Tochter wunderte, sagte meine ganze Twitter-Timeline in ungewohnter Eintracht: Lass sie, solange ihr eurer Tochter jeden Tag etwas anderes vorlebt, wächst sie da wieder raus.

Natürlich sollen meine Kinder in dem Wissen aufwachsen, dass sie sich jederzeit auf mich verlassen können. Können sie ja auch. Ich bin ja hier, bin ansprechbar. Außerdem haben sie einen wundervollen Vater, der für sie da ist und hier gerade den ganzen Laden schmeißt (was auch wiederum ein super Vorbild ist).

Sie sollen von mir allerdings weder lernen, dass das „Funktionieren“ über alles geht, noch dass es unwichtig sei, auf Körpersignale zu hören. Und auch möchte ich nicht, dass sie sofort Medizin fordern, wenn es ihnen nicht gut geht. (Hier ist natürlich der Grad zu „ein Indianer kennt kein Schmerz“ leider ziemlich schmal. Das wiederum wäre meiner Meinung nach auch völlig verkehrt.)

Sexistischer Kackmist

Und nun zum Vorwurf, den man Werbung, in der Familie vorkommt, ja fast immer machen kann: Was ist denn das bitte für eine sexistische Kackscheiße? Angefangen vom Business-Outfit und dem Bürotelefon im Hintergrund am Anfang des Spots (bevor man sieht, dass sie sich bei ihrer Tochter „krankmeldet“), über das immer noch perfekte Styling im Krankheitsfall bis hin zur oben schon erwähnten dauerhaften Einsatzbereitschaft und der subtilen Frage: „Was für eine Mutter bist denn bitteschön Du, wenn Du Dir FREI nimmst?“.

Noch dazu, wo die Konkurrenz doch so erfolgreich ihre „Männergrippe“-Kampagne laufen hat (die allerdings meines Wissens nach ausschließlich auf Social Media Kanälen gespielt wurde). Da ist die Kernaussage ganz eindeutig: Männer leiden.

Das ist zwar komisch, von den Männern völlig übertrieben und es litten ja vor allem deren Frauen (das steht dann weiter unten auf der Seite), vor allem aber ist das erstmal so und dem armen Mann muss geholfen werden.

Nun ist es Aufgabe der Werbung, Produkte zu verkaufen. Ob die sinnvoll sind oder nicht, das will ich überhaupt nicht bewerten. Wie gesagt: Auch ich habe schon zu solchen Symptomkillern gegriffen und würde (und vermutlich werde ich) es auch wieder tun. Aber bitte, liebe „Kreativ-Branche“: Fällt euch wirklich nix Besseres ein, als die Klischee-Kiste der 50er so weit zu öffnen?

Es geht doch wirklich auch anders

Es gibt zum Glück ja aber auch erste Positiv-Beispiele. Klar, der Weg ist noch weit und wie schrieb Alexa Borchardt neulich in der SZ am Wochenende so schön: „Schimpfen geht natürlich immer“. Aber ein Anfang ist gemacht. Ergänzend zu den drei schönen Beispielen die Patricia Cammarata neulich in einem Artikel anbrachte hier noch weitere – leider überwiegend aus den USA:

Wie bei Patricia auch, hier noch mal Audi, diesmal zum Superbowl:

Dosen-Suppe mit schwulen Vätern – die Firma hat dafür von … ääähhh … sagen wir, konservativen Gruppen, viel Kritik einstecken müssen.

Und dann, wer hätte es gedacht, die Deutsche Bahn. Schwule sind übrigens leichter zu finden als modernere Mütterbilder… Wenn ihr noch Ergänzungen habt oder Euch noch bessere Beispiele einfallen: Gerne her damit!

Und hier noch ein Artikel aus der „werben&verkaufen“ (quasi die BILD der Marketing-Menschen) aus dem Sommer 2016 – mit noch mehr Beispielen und der Erklärung, warum es eben nicht egal ist, wie Rollen in der Werbung dargestellt werden.

Oder wie seht Ihr das?

Ich bin gespannt auf Eure Kommentare. Bis dahin gehe ich mir noch einen Tee kochen. Und verspreche Euch: Wenn ich wieder gesund bin, fallen mir auch wieder elegantere Stilmittel als Klammern ein. Ehrlich.

1 comment on “Ich nehme mir nicht frei!”

  1. Ulf Antworten

    Liebe Jette, gute Besserung!
    Leider kann ich Dir nur zustimmen. Diese Frauen- und Männerbilder – nicht nur in der Werbung – sehen viel zu häufig so aus, als hätten wir technisch aufgehübschte Floskeln aus den fünfziger Jahren aufgetischt bekommen. Es gibt immer noch viel zu tun. Oder sogar mehr?
    Ulf

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