Ey, Du bist ja behindert!

Oder: Eine erste Lektion über die Macht der Sprache

Als ich das große Kind gestern aus der Schule abholte, merkte ich, dass sie etwas bedrückte. Aber sie wollte nicht so recht mit der Sprache rausrücken, solange ihre kleine Schwester dabei war. Da wir derzeit nur zu dritt sind, war also lange kein rechtes Gespräch möglich. Zuhause wirkte sie auch wieder ganz normal fröhlich und im Trubel allen gerecht zu werden, ein Abendessen auf den Tisch zu stellen und das müde Kleinkind auf Kita-Läuse abzusuchen (nix – ein Glück), verlor ich eine mögliche Stimmungsschieflage der Großen etwas aus dem Blick.

Nun schlief das müde Kleinkind satt und mehr oder minder sauber ziemlich schnell ein. Da fragte mich das große Kind auf einmal: Mama, was heißt eigentlich behindert?

Ich war ziemlich irritiert und antwortete: Aber Einhalb, du warst doch in einem Kindergarten mit vielen behinderten Kindern (ein Drittel aller Plätze um genau zu sein) – Du weißt, doch was eine Behinderung ist.

„Nein Mama, das ANDERE behindert!“

… Hä? …

„Das was man zu jemandem sagt. Was bedeutet das?“

Da erst fiel bei mir der Groschen. Jemand hatte mein Kind behindert genannt. Warum und in welchem Zusammenhang tut gar nichts zur Sache. Denn es geht mir um etwas ganz anderes: Da sie vier Jahre in einen Kindergarten mit ganz vielen Kindern mit ganz unterschiedlichen Einschränkungen war, war es für sie bis gestern nur ein Adjektiv. Genau wie dick oder blond oder nett.

Stick and Stones can break my bones …

… but words will never hurt me? Ich fand den Spruch ja schon immer ziemlich dämlich. Aber zum ersten Mal sah ich gestern Abend, sein Fünkchen Wahrheit: Die Worte des anderen Kindes hatten mein Kind nicht verletzt. Für sie ist eine Behinderung erst einmal nix Schlimmes. Sie ist halt da. Manche Menschen haben eine, andere nicht. So wie manche Menschen dick oder blond und/oder nett sind.

Also versuchte ich kindgerecht zu erklären, dass Sprache etwas mit uns macht* und das eine solche Beschimpfung nur funktioniert, weil es Menschen gibt, die behindert als falsch und nicht-gut betrachten. Das also, wenn jemand „du bist behindert“ sagt, es nicht nur gemein ihr gegenüber ist, sondern auch gegenüber allen Menschen, die die eine oder andere Einschränkung haben.** Wir unterhielten uns über die verschiedenen Kinder in der Kita. Darüber, dass es tolle Kinder sind – auch wenn sie nicht alles so gut oder so schnell können, wie die anderen Kinder. Kinder die von ihren Mamas und Papas genauso geliebt werden, die Freunde haben, die wir lieb haben – und die einfach dazugehören. „Und wenn man L. eine Blume gibt, dann gibt sie sich ganz doll Mühe und kann die schon fast nehmen.“ Genau mein Schatz. Es ist nur anders – nicht falsch oder sogar schlecht. Und deshalb ist es dumm und sehr gemein „behindert“ als Schimpfwort zu benutzen.

Sie wurde ganz still und dachte nach.

Zwischenzeitlich dachte ich schon, sie wäre eingeschlafen.

Schließlich sagte sie:

 

Mama, weißt Du: Ich glaube, das Problem ist, dass die anderen keine Kinder mit Behinderung kennen. Sonst würden sie sowas nicht sagen.

 

Und damit, meine Lieben, ist eigentlich auch alles gesagt.

 

 

* Was ich unvorbereitet und selbst ziemlich müde übrigens gar nicht so einfach fand. Sonst hätte ich noch meine Brille und Opas Hörgerät in den Ring geworfen. Aber eigentlich war das auch gar nicht nötig.

** In diesem Zusammenhang lernte sie auch gleich das Wort „schwul“ kennen. Das erschien ihr dann als Schimpfwort endgültig völlig absurd..

5 comments on “Ey, Du bist ja behindert! Oder: Eine erste Lektion über die Macht der Sprache”

  1. kleinstadtloewen Antworten

    Wie schön, dass Deine Tochter diese logische Konsequenz gezogen hat! Ich habe ja selbst ein Kind mit Behinderung und schreibe auch immer und immer wieder über Inklusion – denn anders werden die allermeisten nie in Kontakt mit Menschen mit Behinderung kommen und dementsprechend viel verpassen – und das wäre einfach sehr schade für alle Beteiligten! Danke für diesen Text!

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