Der Realitäts-Check: Ist der Wiedereinstieg planbar?

Wie heißt es so schön: Leben ist das was passiert, während Du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen. Andererseits heißt es doch aber in allen einschlägigen Ratgebern, man sollte sich frühzeitig auf Elternzeit und Wiedereinstieg in den Job vorbereiten. Frau solle rechtzeitig Absprachen treffen und mit dem Arbeitgeber in Kontakt bleiben. Wir haben daher unsere gute Freundin Tanja kurz vor Ende ihrer ersten Schwangerschaft gebeten für uns mal aufzuschreiben, wie sie sich das alles so vorstellt. Etwa zwei Jahre später machen wir den Abgleich: Was ist denn nun daraus geworden? Das „normale“ sind also Gedanken aus 2015, das rechtsbündige und kursive sind die Kommentare aus diesem Herbst dazu.

Irgendwann Ende 2015

Meine Tage sind gezählt – die Tage, bis meine kleine Tochter das Licht der Welt erblickt. Und ich platze fast vor lauter Vorfreude! Für den 20. Dezember ist sie ausgerechnet, aber wer weiß schon, ob sich das kleine Wunder daran hält. Und wie sich ab diesem Moment alles verändert. Und überhaupt.

Nun bittet mich meine liebe Freundin Jette darum, meine Gedanken, Pläne und Erwartungen eines ganz bestimmten Aspekt meines zukünftigen Lebens mit ihr und ihren Lesern zu teilen. Als „Vorher“-Prognose – oder besser: Blick in die Kristallkugel. Es geht konkret um meinen Wiedereinstieg ins Berufsleben.

Zur Ist-Situation: Ich arbeite nun seit über zehn Jahren in der Kommunikationsbranche – zuletzt als Beraterin in einer größeren Agentur. Eigentlich immer Vollzeit (Ausnahme: mein berufsbegleitendes Master-Studium). Ich mag meinen Job sehr, aber das Leben in Agenturen kostet Kraft, vor allem, wenn man an sich selbst und seine Rolle als Dienstleister hohe Ansprüche stellt. Parallel dazu bin ich seit nunmehr vier Jahren dabei, mir ein zweites Standbein als selbständige Beraterin aufzubauen – zuerst allein, dann projektweise gemeinsam mit einer Freundin und inzwischen hat sich daraus eine handfeste Zwei-Frau-Agentur entwickelt. Eben diese läuft derart erfolgreich „nebenbei“, dass nun sogar die Frage Hoffnung aufkommt, damit den Sprung in die richtige Selbständigkeit zu wagen …

Elternzeit werde ich zunächst für 1,5 Jahre beantragen. Ein Jahr erschien mir einfach zu knapp und so viele haben mir berichtet, es sei leichter, früher wieder in den Job einzusteigen, als die Elternzeit nachträglich zu verlängern. Dem schenkte ich meinen Glauben – ergo: lieber mit Puffer geplant. Wir haben unsere Kleine ab November 2016 in der Kita angemeldet und rechnen mit einem Monat für die Eingewöhnung. Und so ergeben sich für mich ab Dezember verschiedene Szenarien (immer vorausgesetzt, ich fühle mich wieder Job-fit).

Herbst 2017

Wo. Ist. Die. Zeit. Geblieben… ??? Ziemlich genau eineinhalb Jahre ist meine Kleine nun „alt“. Sie lacht, plappert, tapst, motzt und schlemmt sich durch ihr und unser Leben. Keinen einzigen Tag mit ihr möchte ich jemals wieder missen – aber hier geht es ja um das Job-Wiedereinstiegs-Thema. Was also ist geworden aus meinen Plänen, Sorgen und Hoffnungen? Spoiler-Alarm: Alles ist gut.  Grundsätzlich: Die Entscheidung einer verlängerten Elternzeit (also länger als die klassischen 12 Monate) habe ich nicht bereut. Es hat mir an vielen Stellen den Druck genommen. Ich habe 5 Monate lang das Basis-Elterngeld bezogen und dann ein Jahr lang das Elterngeld Plus. Für mich hat das prima funktioniert, ich habe allerdings dafür auf private Rücklagen zurückgegriffen. Mein Mann und ich teilen uns die „Familienkosten“ nach wie vor gleichberechtigt. Unsere Tochter ist seit Ende 2016 in der Kita. Die Eingewöhnung konnten wir ganz in Ruhe angehen, was aufgrund der dauernden Erkältungen & Co. (Krippenstart im Winter … nun ja) auch wirklich notwendig war. Die ganze Familie war andauernd am Schniefen, sodass ich mir einen Wiedereinstieg zu dieser Zeit nur sehr schwer hätte vorstellen können. Im ersten halben Lebensjahr der Lütten habe ich wirklich nichts anderes als sie im Kopf gehabt und die Zeit mit ihr genossen. Dann habe ich Step by Step meine selbständigen Projekte wieder hoch gefahren. Teilweise mit intensiven Projektphasen, in denen mein Mann sich auch nach und nach wieder daran gewöhnen konnte, dass ich wieder in den Arbeitsalltag einsteige. In dieser Zeit wurde mir aber umso mehr bewusst, wie viel Lust ich auf die Selbständigkeit habe und wie sehr ich die flexible Zeiteinteilung und das Arbeiten von Zuhause aus genieße …

Szenario A – der sichere Weg

Gibt es wirklich nur den einen Weg? Vielleicht gibt es auch noch Optionen, von denen ich heute noch gar nichts ahne?
Photo by Brendan Church on Unsplash

Mein aktueller Arbeitgeber ist in der Tat mamifreundlich. Er beschäftigt nicht nur viele berufstätige Mütter, sondern kommt ihnen auch noch mit individuellen und flexiblen Arbeitszeitmodellen entgegen. Der Wiedereinstieg dort in Teil- oder Vollzeit würde also reibungslos klappen (rein organisatorisch zumindest).

Heißt für mich: In den kommenden Monaten die Fühler regelmäßig dorthin ausstrecken, Kontakte halten, mein Gesicht nicht in Vergessenheit geraten lassen und auch sonst auf dem Laufenden bleiben, was die allgemeinen Trends und Entwicklungen in der Branche angeht (letzteres muss ich so oder so – auch mit Blick auf die folgenden Szenarien).

Doch wie so oft gibt es einen Haken: Denn solang ich dort angestellt bin, kann ich mein eigenes Agenturprojekt nicht in vollen Zügen und vor allem nicht offiziell weiter verfolgen – das ist mir nämlich, wenn wir es mal ganz genau nehmen, eigentlich gar nicht erlaubt. Andererseits: Vielleicht bin ich in einem Jahr auch gar nicht mehr gewillt, mich auf das Risiko der Selbständigkeit einzulassen. Mein Mann ist ebenfalls selbständig und vielleicht passt uns dann als Eltern wenigstens ein sicheres Einkommen doch sehr gut in den Kram. Was geht also noch?

Fast wäre ich ihn gegangen, den sicheren Weg. Ich habe mich während der Elternzeit immer wieder mal mit den Kollegen getroffen und auch mit meinem Teamleiter über mögliche Wiedereinstiegsposten gesprochen. In der Agentur hat sich – wie zu erwarten war – in der Zeit viel getan. Das ist in dieser Branche nun einmal so. Doch man hätte mir gern einen Platz nach meinen Vorstellungen wieder angeboten, wofür ich dankbar war, weil das Gefühl des „sicheren Bodens“ all meine weiteren Überlegungen entspannt hat … wenn da nicht die anderen Pläne gewesen wären.

Szenario B – Volles Risiko

Meine Partnerin und ich haben natürlich auch schon darüber sinniert, wie es wäre, wenn einer von uns beiden Vollzeit für unsere Agentur arbeitet. Mit den bislang erwirtschafteten Honoraren wäre es durchaus möglich, einer von uns über einen definierten Zeitraum ein realistisches Gehalt auszuzahlen. Warum also nicht den Sprung ins kalte Wasser wagen und schauen, wie sich unser Business entwickelt?! Insbesondere wenn wir nicht nur Feierabende und Wochenenden in die Agentur stecken, sondern eine volle Mannkraft.

Heißt für mich: Spätestens sobald sich unsere Lütte in der Kita befindet, widme ich mich wieder mit Volldampf unseren Projekten (aus denen ich realistisch betrachtet bis dahin ja auch nicht vollständig ausgestiegen sein werde – aber wahrscheinlich in vermindertem Umfang tätig war).

Diese Option klingt in jedem Falle machbar und zaubert mir ein Kribbeln in den Bauch, das zur Abwechslung mal nichts mit den Box- und Strampelbewegungen meiner Kleinen zu tun hat. 🙂 Doch wie gesagt: Wie risikofreudig ich in ein paar Monaten wirklich bin, kann ich zum heutigen Tage noch genau GAR nicht einschätzen.

Ich musste feststellen: Volles Risiko ist mit kleinem Kind für mich einfach nicht drin. Ich habe oft und lang darüber nach gedacht, so ganz hätte ich esse mich nicht getraut. Dazu war ich vielleicht zu lange angestellt tätig oder bin als Typ zu sehr fixiert auf „das bisschen Sicherheit“. Die letzten Monate mit Kind haben mir aber auch gezeigt, wie oft es anders kommt, als man gedacht hätte. Und wie schön es ist, dann flexibel reagieren zu können.

Szenario C – wir finden einen Kompromiss

Wie wäre es, ich fände einen Teilzeitjob, mit dem sich unser Agenturprojekt völlig rechtmäßig in Einklang bringen ließe? Was das konkret sein könnte, davon habe ich aktuell nur vage Vorstellungen, die von einfachen Verwaltungsaufgaben über eine Anstellung in einem kleinen Unternehmen in der PR-Abteilung bis hin zu etwas „ganz anderem“ reicht …

Heißt für mich: Augen auf bei der Berufswahl – in den kommenden Monaten, spätestens in der zweiten Jahreshälfte 2016 müsste ich mich ernsthaft informieren, was der hiesige Jobmarkt für junge Mamis so hergibt. Ich müsste meine Xing-Kontakte durchgehen und frühzeitig Interesse/Verfügbarkeit bekunden, mir Gedanken über mögliche Branchen machen, die ich vielleicht bislang noch nicht auf dem Schirm hatte. Ob und wie gut ich das neben meinem „Vollzeitjob“ als Mama hinbekomme, steht aktuell in den Sternen.

Tatsächlich wäre das jedoch meine allerliebste Option. Denn ich habe wirklich groooße Lust, meine Agentur wachsen zu lassen und mich zusammen mit meiner Partnerin darin zu vertiefen. Mit einem sicheren, wenn auch kleinen, festen Einkommen aus einem solchen „Kühlschrank-Job“, ließe sich vielleicht auch die Bauchstimme beruhigen, die ja immer was von Sicherheit erzählt.

Dass es am Ende zu einer solchen Lösung kommen könnte, hatte ich beim Schreiben der 2015er Zeilen nicht wirklich geglaubt. Aaaaber: genau das ist eingetreten. Allerdings nur ein bisschen „zufällig“, denn ich habe nun eine Teilzeitstelle bei einer Online-Redaktion, in der ich seit Jahren unentgeltlich schreibe. Dort hat man mir vor einigen Monaten das Angebot gemacht, mich auf Midi-Job-Basis fest anzustellen. Mit Sozialversicherung und betrieblicher Altersvorsorge. Irre.

Kommt Zeit, kommt Rat. Also, Abwarten und Tee trinken (darin wird man ja Meister im Verlauf einer Schwangerschaft).

Ich bin also nun Redakteurin.

Und Geschäftsführerin einer aufstrebenden Kommunikationsagentur.

Und Mami.

Und stolz.

 

Vielen Dank , liebe Tanja, dass du deine Überlegungen so ausführlich und offen mit uns teilen mochtest. Irgendwie machst du ja auch nur halbe Sachen. 🙂 Aber die dafür so erfolgreich! Wir freuen uns mit dir und wünschen dir, deiner Familie und deiner Agentur alles Gute. Sei gewiss: Bei Nummer zwei bis fünf fragen wir wieder nach – egal ob Kinder oder Jobs.

Wie habt ihr das erlebt: Haben sich eure Vorstellung zum Wiedereinstieg mit der Realität gedeckt oder gab es große Abweichungen? Oder habt ihr euch vorher einfach gar keine großen Gedanken gemacht und das alles auf euch zukommen lassen?

1 comment on “Der Realitäts-Check: Ist der Wiedereinstieg planbar?”

  1. Katja Antworten

    Guten Morgen!

    Wiedereinstieg – oje! Lief in beiden Fällen anders als geplant … Beim Großen habe ich elf Monate Elternzeit genommen, die auch wirklich schön waren.Blauäugig wie ich war, hatte ich mir dann den Wiedereinstieg in meine Selbstständigkeit zwar ein wenig problematisch, aber nicht katastrophal vorgestellt. Das Ergebnis: Ich habe fast drei Jahre lange gekämpft, bis die Auftragslage wieder so war, dass nicht mehr jeder Blick aufs Bankkonto eine Sinnkrise ausgelöst hat. Mehr als einmal war ich kurz davor, den geliebten Job hinzuschmeißen und mir wieder eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit zu suchen. Hätte es damals nur schon Elterngeld Plus gegeben … Der Große war ein absolut unkompliziertes, ausgeglichenes Anfängerbaby, das gerne alleine im Laufstall oder auf der Decke neben mir saß und gespielt hat (wenn er nicht geschlafen hat). Ich hätte stundenlang arbeiten können …

    Dann war es da: Elterngeld Plus! Sozusagen Grundsicherung plus Verdienstmöglichkeit. Ohne das Elterngeld Plus würde es den Kleinen vielleicht nicht geben, wer weiß? Auf jeden Fall war es das, worauf ich gewartet hatte. Und so habe ich den Wiedereinstieg in den Job recht früh eingeplant und auch tatsächlich nach zwei, drei Monaten damit begonnen. Leider ist der Kleine das Gegenteil seines Bruders: unruhig, unausgeglichen (himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt), fordernd. Lieblingsposition: wach auf meinem Arm. Zweite Lieblingsposition: wach im Tragetuch. Schlaf hält er für überbewertet – sowohl tagsüber als auch nachts. Ergebnis: Ich arbeite ein paar wenige Stunden abends und am Wochenende, was zulasten der übrigen Familie und meines Wohlbefindens geht. Ich habe immer noch nicht allen Kunden Rückmeldung geben können, dass ich wieder einsatzbereit bin, weil ich die Kapazitäten (noch) nicht wieder habe. Ein sehr guter Kunde ist abgesprungen, weil ich derzeit nichts versprechen kann – also genau das, was ich verhindern wollte. Viele private Dinge bleiben liegen, weil ich die wenigen Momente, in denen er schläft oder friedlich ist, in Projekte stecke …

    Ich weiß, es wird alles besser. Inzwischen haben wir die Zusage für einen Krippenplatz in unserer supertollen Krippe hier (da war der Große auch schon, ich schwöre auf diese EInrichtung). Und mein Herz hängt nicht mehr so sehr an der Selbstständigkeit, dass ich nicht ab und zu doch mal Stellenanzeigen durchforste, ob sich nicht der „perfekte“ Job findet. Druck habe ich zum Glück keinen.

    So weit von mir hier aus dem Rheinland! Fühlt euch gedrückt, ihr LIeben!
    Katja

Kommentar verfassen