Der heulende Blitzableiter

Über Abschiede und Neuanfänge

Aufregende Wochen liegen hinter uns: Die große Tochter beendete ihre Kita-Karriere und startete in die Schulzeit. Seit April hörten wir permanent, dass die Kita langweilig sei. Eine Information, die die Morgende ggf. etwas anstrengender gestaltete, mich aber dennoch froh sein ließ. Durch die kleine Kita mit exzellentem Betreuungsschlüssel und die Kreativität unserer Erstgeborenen, blieb die Kita-Zeit dennoch spannend. Sie half sehr viel im Kita-Garten und kümmerte sich um das Gemüse. Sie initiierte sogar die Reinigung des Bällebades (von mir hat sie das nicht!) und nutzte das Vorschulprogramm bis es keine Blätter mehr gab.

Meer und Berge, Chillen und Kultur. Korsika, wir kommen wieder!

Dann fuhren wir ein letztes Mal außerhalb der Schulferien in den Urlaub. Gemeinsam mit Familie Glücklich Scheitern ging es nach Korsika. Was eine wunderhübsche Insel! Im Hochsommer wäre es mir sicher zu heiß und zu voll. In der Nebensaison aber echt traumhaft. Sicher wird Melanie auch noch den ein oder anderen Reisebericht verbloggen. Unser Urlaub war hinten hinaus limitiert, weil der Verabschiedungsgottesdienst der Kita anstand. Das stresste unser Kind unerwartet doll. Die Anspannungen lösten sich in dem ein oder anderen mit viel Energie von ihr vom Zaun gebrochenen Streit.

Abschied nach vier Jahren Kita

Die Schulabgänger hatten für die Feier die Aufgabe ein Bild zum Thema „Was ich in der Kita am Besten fand“ zu malen. Das gibt es jedes Jahr und in der Regel finden sich da: Die Freizeit, das Lieblingsspielzeug bzw. der Lieblingsort oder die Lieblingsaktivität. Das stellen die Kids dann vor und das klingt dann in etwa so: „In der Kita hat mir am besten gefallen, die Wichtelburg, die Ronneburgfreizeit und Fußballspielen.“ Normalerweise ist unsere Älteste in einer vertrauten Umgebung nicht schüchtern und sie hatte es ja auch schon dreimal bei den vorherigen Verabschiedungen gesehen. Diesmal konnte sie nur mit ihrer Lieblingserzieherin nach vorne gehen und brachte kein Wort raus.

Der Kindergarten unserer Kinder – nicht maßstabsgetreu aber mit viel Liebe zum Detail gezeichnet.

Dabei hatte sie, deren Antwort „alles“ war, in ungewohnter Geduld und mit viel Liebe zum Detail einen ganz wunderhübschen Grundriss des kompletten Kindergartens gemalt, bis hin zum korrekten Bildschirmhintergrund des Computers der Kita-Leitung, der auf dem Schrank liegenden Schaukel für die Kinder mit Bewegungseinschränkungen und genauem Platz sowie genauer Farbe des jeweiligen Stuhls der Erzieherin am Mittagstisch.

Einschub: Bei diesem Abschied bekamen die Kids die wirklich wunder-wunderhübschen, individuellen Schultüten durch ihre Bezugserzieher überreicht. Es ist unglaublich, wie viel Mühe und Liebe die Erzieherinnen in dieses Abschiedsgeschenk für die Kinder stecken. Erzählt es nicht meiner Tochter, aber die Schultüte, mit blauem Blinke-LED für den Feuerwehr-Fan aus dem letzten Jahr bleibt lange unübertroffen.

Ebensoviel Sorgfalt legte das Kind in die Auswahl der Abschiedsgeschenke für die ihr wichtigsten Personen.

Obwohl der offizielle Abschied relativ früh war, für die Eltern, die mit großen Kindern die ersten drei Ferienwochen nutzen wollten, und noch einige Wochen Kita vor uns lagen: Als die kleinen Stöpsel mit den großen Schultüten und offensichtlich ganz aufgeregt und stolz aus der Kirche auszogen – genau da flog mir was ins Auge.*

Die letzten Wochen vergingen schnell und relativ ereignislos. Also das heißt, sieht man von der Übernachtung mit Piratenfest und dem Ganztagsausflug beides exklusiv für die Schulanfänger und noch dem ein oder anderen Kita-Highlight ab. Aber es war alles dennoch nicht mehr so aufregend und emotional. Die dreiwöchigen Ferien waren mit Urlaub mit den Großeltern (also die Kids, nicht wir), Wohungsumbau, Spielbesuch und Co auch vergleichsweise schnell um. Der Streit zwischen den Geschwistern stieg mit Dauer der Ferien proportional an.

Die Einschulung – ein echter Zeitenwechsel

Am Abend vorher, die Aufregung bei den Eltern steigt.

Dann kam die Einschulung: Besonderer Weise bei uns schon am letzten Ferien-Samstag. Das war total toll, weil so (fast) alle wichtigen Menschen dabei sein konnten.** Unsere große Tochter war so aufgeregt, dass sie ab kurz nach acht das reden einstellte. Das war so ungefähr das untypischste und beunruhigenste Verhalten, welches ich in knapp sieben Jahren an ihr gesehen habe. Dafür jammerte die kleine Tochter abwechselnd, dass sie sofort ihre Geschwister-Tüte aufmachen und/oder auch in die Schule kommen will.

Auf dem Weg vom Parkplatz zur Schule hätte sich das Kind am liebsten unsichtbar gemacht. Was in ihrem festlichen Outfit nicht ganz einfach war.

Die Feier war sehr auf die Bedürfnisse der Kids ausgelegt: Lied,Begrüßung und Vorstellung der Lehrer, Aufteilung der Kinder auf die Klassen. Dabei wurden die Kinder von ihren Lehrern persönlich in Empfang genommen und erhielten eine Sonneblume. Dann zogen sie zum zweiten Lied alle in ihre Klassen. Wieder erstaunte mich unser Kind. Völlig selbstverständlich ging sie nach vorne ging und nahm ihre Blume in Empfang. Bevor sie dann mit den anderen sehr groß und aufgerichtet in den Klassenraum auszog. Alles in allem, war es ganz toll. Ich bin mit einem wirklich guten Gefühl bzgl. der Schulwahl gegangen. Doch, was soll ich sagen: Ich hatte schon wieder was im Auge.

Routine my friend – I miss you

Das mag jetzt total banal klingen: Aber bis zum Abschiedsgottesdienst in der Kita, hätte ich Stein und Bein geschworen, dass ich das Wachsen und Älter werden uneingeschränkt toll finde. Finde ich auch immer noch. Doch die Mischung aus Stolz auf das große, kluge, mutige und wunderschöne Kind, dass da trotz seiner Aufregung und Ängste so offen in diesen neuen Abschnitt zog, die war schon ziemlich *hachz*

Die Zukunft wird zeigen, ob solche Brotdosen auch neben dem Job möglich sind. Ich glaube nicht so recht dran.

Nun ist die erste Woche rum. Das kleine Kind wird außerdem grad in die letzte Kita eingewöhnt. Eben jene aus der das große Kind gerade gegangen ist. Jeden Nachmittag haben wir hier gerade Rabattz, weil die Kids so müde und geschlaucht sind. Ich denke oft an das Buch vom Gewünschtkind und versuche auszuhalten, dass ich gerade Stressabbau-Blitzableiterin, einzig akzeptable Insbett-Bringerin, Wicklerin und Vorleserin bin. Sehr zum Leidwesen von uns beiden ist der Herr Vater nämlich gerade bei den Kindern ziemlich abgemeldet.

Und ja, ich bin ein emotional wandelndes Mutter-Klischee, das bei jeder Leistung der Kids vor Rührung heult. Offenbar selbst wenn es sich um so banale Dinge wie wachsen handelt. Aber weiß Gott: Ich freue mich auf Routine und Struktur! Ich hoffe, sie stellt sich schnell ein, wenn ich ab nächste Woche wieder im Büro bin.

 

 

*Das letzte Lied in den Kita-Gottesdiensten ist auch immer eines, das auf der Beerdigung meiner Mutter gesungen wurde. Ich habe da immer mindestens einen Kloß im Hals – so schön das Lied auch ist.

**schielt nach Hamburg

2 comments on “Der heulende Blitzableiter”

  1. Pingback: September - I hate you - Halbe Sachen

  2. ulfmoritz2016Ulf Moritz Antworten

    Routine kommt wieder – sicher. Und wenn sie wieder da ist, kommt die nächste Veränderung. „Es ist ja wie es ist“ sagt man hier in Norddeutschland. Es war eine schöne Einschulung. Und es war schön zu sehen, wie sie wachsen – die Eltern!

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