Das Zünglein an der Waage

Unsere Dreijährige geht ja seit diesem Sommer in eine neue Kita. Sie ist da auch gut angekommen: Jeden Morgen fragt sie, ob die Kita auf ist, Gemaltes und Gebasteltes wird voller Stolz heim getragen und sie erzählt von den anderen Kindern. Allerdings, wie es bei den meisten Dreijährigen so ist, das Spiel ist meistens noch ein Nebeneinander und „echte“ Freunde hat sie noch nicht.

Spoiler: Die Geschichte bekommt ein Happy End mit Herzen.

Neulich brachte sie dennoch ihr erstes Freundebuch mit nach Hause. Also nicht das allererste aber doch das erste in dieser Kita. Ich bin zugegebener Maßen kein großer Fan von Freundebüchern im Kindergarten. Zu lose sind die Freundschaften und zu sehr, sind die Kinder einfach mit „Leben“ beschäftigt, um sich in die mein Lieblings-Dies, mein Lieblings-Das reinquetschen zu lassen. Aber wenn es anderen Eltern Kindern wichtig ist, mache ich das gerne mit. Außerdem weiß ich dann, wo ich mit diesen ganzen Aufklebern hinsoll, die immer in der Fotomappe sind. Aber Fotobücher stehen nicht sehr weit oben auf meiner Prioritäten-Liste.

Also nahm ich das Buch mit heim und da lag es dann. Denn es war September (ihr erinnert euch, dass der September echt doof zu werden drohte? War er.). Ich holte die Kinder oft erst abends heim. Die vielen Wechsel der Routinen waren für uns alle anstrengend.

Hinzu kamen einige erschwerende Faktoren: Das kleine Kind gewöhnte sich zeitgleich den Mittagsschlaf ab und war ab fünf fürchterlich müde. Das große Kind gewöhnte sich an die neuen Anforderungen in der Schule und war abends ebenfalls fürchterlich müde. Also war ich schon fürchterlich froh, wenn ich es schaffte, alle halbwegs ohne Drama in ihre Betten zu kriegen. Genaugenommen in meines. Aber das ist eine andere Geschichte.

Am nächsten Wochenende war die Gespenster-Übernachtungsfeier des großen Kindes. Aber auch das ist eine andere Geschichte.

In der Woche drauf, fand ich einen Zettel im Fach, wir hätten das Freundebuch schon so lange und ob wir es bitte zurückbringen konnten. Ich eskalierte leicht und machte meinem Unmut auf Twitter Luft:

Worauf hin mir einige andere Twitter-Mamas aufzeigten, dass es zum einen keine echte (Mehr-) Arbeit sei und sie zum anderen bereits nach drei Tagen nachfragen würden. Nach. Drei. Tagen. Ich war fassungslos. Und ich begann zu überlegen, was mich so sauer werden ließ: Über diesen Zettel und über die Antworten.

It’s my party

Ich kam zu dem Schluss, dass es die zusätzlich Fremdbestimmung war, die mich so auf die Palme brachte. Wie alle aushäusig erwerbstätigen Eltern (einen schönen Text zum Thema findet ihr übrigens auch bei Konsti) jongliere auch ich jederzeit eine Menge Bälle mit unterschiedlichen Anforderungen. Der September ist traditionell bei uns beruflich und privat vollgestopft bis unters Dach. Zudem die vielen Tage an denen Olli nicht da war und ich ungewohnter Weise seine halben Sachen auch noch übernahm (naja, also ehrlich gesagt, übernahmen die Großeltern ganz schön viel davon, aber auch das sind extra Abstimmungen und extra Wege). Also jonglierte ich noch viel mehr. Um das Ausfüllen eines Freundebuchs hatte ich weder gebeten, noch wurde ich dazu gefragt, noch kannte ich die Deadlines.

Ich habe länger auf dieser Erkenntnis rumgekaut. Denn so viel von dem, was unser Vereinbarkeits-Netz zusammenhält, liegt außerhalb meines Einflusses:

  • die Pünktlichkeit der S-Bahn
  • (null aufeinander abgestimmte) Schließzeiten in Kita und Schule
  • berufliche und
  • zum Teil auch private Termine (dazu zähle ich z. B. den Elternabend), die ich nicht immer 100 %ig beeinflussen kann

Dazu kommt der Druck, denn wir uns selbst machen: Immer überall gut zu sein, Leistung zu bringen, vielleicht sogar etwas mehr als nötig wäre, weil man will ja „Guthaben“ aufbauen, für den Tag, wo man mal nicht so kann …

Und dann „so was“

So was kann ein Freundebuch sein, was zurückgefordert wird. Es kann der Bastelnachmittag für Schultüten oder Laternen sein, oder der plötzlich vorgezogene Abgabetermin im Büro sein oder die Kollegin, die einen bittet, eine Extra-Schicht zu übernehmen. Es kann aber auch nur die SMS des Partners sein, auf dem Heimweg doch noch schnell eine Packung Milch mitzubringen.

Alles nicht wild. Und doch manchmal zu viel.

Versucht mal dran zu denken, wenn neben euch mal wieder ein Elternteil aufgrund einer Kleinigkeit völlig überreagiert.

 

Derweil denke ich noch weiter darauf rum, was ich mit dieser Erkenntnis jetzt anfange. Habt ihr Ideen für mich?

 

Nachtrag

Heute war das Buch wieder da und wir haben es sofort ausgefüllt. Morgen geht es wieder zurück. Es ist nämlich nicht immer schlimm.

5 comments on “Das Zünglein an der Waage”

  1. kraftvollmama Antworten

    Puh, ja, das ist wirklich so. Man bewegt sich manchmal wie im Trance durchs Leben, schön darauf konzentriert, alle Bälle in der Luft zu halten. Wenn dann jemand kommt und AUCH NOCH irgendwas will, dann fallen alle Bälle runter – natürlich ist man dann richtig sauer. Und zumindest wir Mütter sollten doch versuchen, Verständnis und Feingefühl für schwierige Zeiten anderer Mütter aufzubringen. Ein bisschen mehr Solidarität unter Mamas würde uns allen gut tun…

  2. shiwa Antworten

    ich kann das so gut verstehen. Es geht ja nicht um das Buch, sondern darum, dass man mit all den wichtigen Umständen (dass alles gut läuft und alles unter den einen Hut passt) irgendwie klarkommt und darum froh ist und dann ist das einfach noch ein to do auf der eh langen Liste. Ich hätte das auch niedrig priorisiert. und dass es dann eigentlich ganz schnell geht, wenn man es mal anpackt und fürs nächste mal Bescheid weiß, kennt man ja 😉

  3. Katja Antworten

    Oh, das kommt mir so bekannt vor … Meistens ist es der beste Ehemann von allen, der mich mit kleinen Anmerkungen (die dann oft noch nicht mal an mich persönlich gerichtet sind) auf die Palme bringt: „Oh, der Biomüll steht ja noch hier“ oder „Hier hat jemand eine Rotzfahne liegen lassen“ (und ich höre: „Du hast den Biomüll nicht runtergebracht“ bzw. „Du schmeißt Rotzfahnen durch die Gegend“ – you get the point).

  4. Melanie Antworten

    Ich hatte das mit dem Freundebuch schon genau so. Dieses Jahr geht das mit den fremdbestimmten Terminen, da ja Home Office. Letztes Jahr hatte ich das auch…der Mann beruflich mehrere Tage unterwegs, ich Kinder zu zwei verschiedenen Betreuungseinrichtungen, Rohre im Bad verstopft…Handwerker da, Babysitter vom Kleinen machte Druck (fragte vielleicht nur nach?) wann ich das Kind abholen würde. Tja, den hab ich angezählt als sei er das Böse in Person. Nicht so gut beim Babysitter. War doof. Lösungen hab ich auch keine, außer immer wieder zu überlegen, wo diese Woche die Prioritäten sind, was man weglassen kann und was langfristig mehr bringt: das, was wir meinen den Kindern „schenken“ zu müssen (materiell oder Zeit) und das, was sie wollen (Stichwort: wenn der Mann nicht da ist, koch ich hier nicht, dann gibts halt Brot oder Reste. Und Kind1 so: Boah, Abendbrot wie cool! – und dann gibts manchmal Abendbrot am Tisch, als Picknick etc. You get it)

  5. grossekoepfe (@aluberlin) Antworten

    Ich kenne das sehr gut und denke manchmal auch „was wollen die alle von mir“ und möchte tauschen. Aber das tauschen hilft auch nicht, denn jeder hat irgendwie gleich viel zu tun und sich das immer mal wieder vor Augen zu führen hilft zumindest gegen den Frust, nicht jedoch gegen die eigenen Ansprüche. Alu

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