Attachement Parenting als angestellte, berufstätige Mutter

In der gesamten Schwangerschaft mit Einhalb habe ich auf mich und meinen wachsenden Bauch gehört: Ich habe genau ein Buch zum Thema besessen, habe das Internet diesbezüglich gemieden, hatte eine gute Gynäkologin und eine noch bessere Hebamme, die mich vor, während und nach der Geburt betreut hat. Ich ruhte ziemlich in mir und vertraute mir und meinem Partner, dass wir „das Kind schon schaukeln werden“.


Wir erziehen „mit Stil“

Erst viel später bekam ich, beruflich bedingt, die vielen Zeitschriften-, Website-, Foren- und Blog-Diskussionen über Schwangerschaft und Erziehung mit. Ich kam zu dem Schluss, dass unser Stil am ehesten dem „Attachment Parenting“ (oder auch Bindungsorientierte Erziehung) gleicht, wenn auch nicht en detail, schließlich hatten wir es „einfach so“ gemacht. Im Mittelpunkt dieses Ansatzes steht, die Bedürfnisse des Säuglings/Kindes wahrzunehmen und ihnen so unmittelbar wie möglich nachzukommen. Also beispielsweise das Stillen/Füttern wann und so viel das Baby will, statt Stillen nach Stundenplan. Oder das Beistellbettchen bzw. Familienbett statt dem Gitterbett im eigenen Zimmer.

Ganz grob vereinfacht, geht es bei der Bindungsorientierten Erziehung darum, den Säugling von Anfang an mit so viel Liebe, Zuwendung und Fürsorge zu überschütten, dass es für ein Leben reicht. 

Das alles klang sehr nach uns. Einiges hatte sich so ergeben, zum Beispiel das Tragen: Spätestes als die Räder des Kinderwagens im Schnee stecken blieben, wurde aus Einhalb ein Tragling. Andere Dinge der „reinen AP-Lehre“ passten und passen nicht auf uns – und das ist für alle, inkl. der AP-Bewegung, ok. Einhalb entwickelte sich prächtig, unsere Beziehung war stabil und sehr innig, sie ging offen auf Menschen und neue Situationen zu, ohne distanzlos zu sein. Als vier Jahre später unsere zweite Tochter geboren wurde, wollten wir (fast) alles genau so machen – hatte ja beim ersten Mal alles so gut geklappt.

Bedürfnisorientierung heißt nicht verwöhnen

Oft wird im Zusammenhang mit AP die Sorge geäußert, man könne sein Kind zu sehr verwöhnen. An diese Sorge, kann ich mich nicht erinnern und sie wurde  zum Glück auch nicht von außen an uns herangetragen. Da diese Meinung aber insbesondere in Deutschland immer noch stark vertreten ist, möchte ich hier auf diesen Artikel der Rubbelmama verweisen, in dem sie die historischen Hintergründe erläutert.

In der Theorie führt AP dazu, dass das Kind sich der Liebe und Fürsorge seiner Eltern so bewusst ist,dass es sein Leben lang starke, gesunde Beziehungen zu anderen Menschen aufbaut und selbstbewusst seinen Weg geht. Ein Ziel, auf das sich sicherlich alle Eltern, egal wie sie selbst erziehen, gut einigen können. Was leider nicht da steht, wann dieser selbstbewusste Weg beginnt: Und hier begann mein Problem mit AP.

Stillen – es gehören immer zwei dazu

Als angestellt arbeitende Mutter bin ich an bestimmte Absprachen gebunden. Dazu gehört, wann undin welchem Umfang ich an den Arbeitsplatz zurückkehre, was in beiden Fällen vor Ende des ersten Lebensjahrs war. Für mich war klar, dass ich dann tagsüber abgestillt haben möchte. In einem Vortrag hörte ich mal „Zum ,Stillen nach Bedarf’ gehört auch der Bedarf der Mutter.“ Mein Bedarf wäre es gewesen, die Mädels noch nachts weiter zu stillen: Das fanden beide irgendwie weniger erstrebenswert und so war ich beide Male so Mitte/Ende des neunten Monats mit dem Stillen durch. Einerseits zwar schade für mich, aber eigentlich ja auch gut, wenn Papa und das Fläschchen genauso viel Nähe geben, spricht es doch auch für eine gute Bindung zwischen den beiden.

Betreuung außer Haus – die erste Trennung

Dann der zweite große Wechsel: Beide Töchter kamen mit 13 Monaten zur Krippe. Hier hatte Zweihalb viel mehr Probleme als ihre große Schwester. Sie war nämlich etwas früher mit dem Laufen dran – und wie so häufig, ging der nächste Schritt in die weite Welt mit einem sehr großen Bedürfnis nach Nähe einher. Mit anderen Worten: Sie fremdelte die letzten Wochen stark. Wenn die Eltern anwesend waren, war niemand anderes auch nur annähernd gut genug.

Ein Disput zwischen Kopf und Herzen

Beide Eltern hatten kein gutes Gefühl. Aber jetzt kurzfristig die Elternzeit zu verlängern? In beiden Büros zählte man auf uns: Ich hatte gerade spannende neue Projekte auf den Tisch bekommen, auf die ich mich auch freute. Und bei Olli war die Abteilung gerade durch eine weitere Elternzeit und einen Krankheitsfall deutlich geschrumpft. Wir nahmen also beide etwas Urlaub und hofften auf das Beste. Für mich kann ich sagen: Nicht ohne schlechtes Gewissen.

Bedürfnisorientierte Erziehung heißt immer auch ganz viel Nähe geben.

Bedürfnisorientierte Erziehung heißt immer auch ganz viel Nähe geben.

Wenn ich so für Bindungsorientierte Erziehung bin – zerstöre ich jetzt die Bindung? Was ist, wenn das Vertrauen von Zweihalb in uns als Eltern noch nicht fest genug ist? Der ersten hat die Krippe total gut getan. Aber es gibt doch auch andere Kinder? Studien, die zeigen, dass Stresshormone ansteigen, wenn die Kids zu früh oder zu viel fremdbetreut werden. Was ist, wenn sie so ein Kind ist? Solche und ähnliche Fragen gingen mir durch den Kopf, während ich Zweihalb im Tragetuch in die Krippe trug.

Vertrauen in meine Tochter – und in uns als Eltern

Doch zwei Dinge bestärkten mich darin, dass wir doch nicht alles falsch machen: Der Text zum „Abschiedsschmerz“ von Susanne Mierau, die mit „Geborgen Wachsen“ den großen Blog zur Bindungsorientierten Erziehung in Deutschland schlechthin schreibt. Aber was so unendlich viel wichtiger ist: Zweihalb hat Vertrauen gefasst, sie lässt sich von ihrer Bezugserzieherin trösten, findet alles total spannend, freut sich, wenn ich wiederkomme – aber weint nicht mehr vor lauter „Du hast mich allein gelassen“-Verzweiflung, wie sie es in den ersten Tagen tat. Das Vertrauen, das wir anfangs in sie hatten, hat sich also als berechtigt erwiesen.

Ich muss zugeben: Ich habe gezweifelt, ob die frühe Fremdbetreuung für Zweihalb ebenso wie für ihre Schwester die richtige Entscheidung war. Aber das achte Prinzip des Attachment Parenting heißt, sich selbst uns seine Bedürfnisse ernst zu nehmen. Für uns gehört dazu eben auch, dass wir arbeiten gehen. Und wenn Zweihalb nach einem aufregenden Krippentag erschöpft im Tuch  einschläft, wenn wir neue Energie haben, uns auf die Kinder einzulassen, wir abends besonders lange kuscheln und uns gegenseitig von unserem Tag erzählen (also wir erzählen, sie hört zu) – dann weiß ich, dass unser Weg für uns der passende ist. Und dass auch Zweihalb weiß, dass wir immer ihre Eltern sein werden, dass wir immer für sie da sind und ihr immer einen sicheren Hafen bieten werden, wenn ihr die See da draußen zu rau wird – egal wie alt sie ist.

Wie ist das bei Euch? Habt ihr Euch bewusst für oder gegen einen Erziehungsstil entschieden? Welche Ratschläge und/oder Situationen haben euch zuletzt an Eurem Weg zweifeln lassen? Wir freuen uns, über Eure Kommentare! 

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Wer mehr über Attachment Parenting erfahren und die 8 Prinzipien kennenlernen will, dem sei die Seite von Attachment Parenting International empfohlen. Am überzeugendsten finde ich persönlich den Satz: „Take what works for your family and leave the rest.“

3 comments on “Attachement Parenting als angestellte, berufstätige Mutter”

  1. Ulf Moritz Antworten

    Hallo Ihr Vier!
    Wie auch immer der Stil heißt, Basis von allem ist der Ausgleich der Interessen. Niemand kann alles haben und keiner soll zu kurz kommen. Das wiederum bedeutet, dass sich die Eltern immer wieder neu finden müssen. Weil sich auch die Interessen der Eltern verändern. Dass die Eltern immer wieder genau hinschauen müssen, was ihre Kinder wollen, weil sie sich so schnell entwickeln und sich damit ihre Bedürfnisse verändern.
    Immer wenn ich gedacht habe, dass wir in unserer Familie jetzt einen Weg gefunden haben, wie wir alles organisieren, hat sich irgendein Teil von den vieren so verändert, dass wir uns wieder neu finden mussten. Es war auch anstrengend und manchmal wollte ich auch keine Veränderung, weil es doch jetzt alles gut war – jedenfalls für mich! Aber wir waren ja vier. Rückblickend glaube ich, es gibt keinen anderen Weg, wenn man sich aneinander gebunden hat, weil man sein Leben miteinander teilen wollte. Ich glaube, dass das gut war. Egal wie dieser Stil nun heißen mag.
    Liebe Grüße jedem einzelnen Viertel!
    Ulf

  2. Shiwa Antworten

    Hallo ihr beiden,
    mit meinem Baby ist nach guten fünf Wochen noch alles irgendwie taufrisch, daher gab es auch noch keine Beschäftigung mit sog Erziehungsstilen. Aber ich denke wie ihr, das braucht es auch eigentlich gar nicht: Intuition und Vertrauen ins Kind und in sich selbst reichen. Ich kann eh nicht anders als so das kleine Wesen mit „Liebe, Zuwendung und Fürsorge zu überschütten“ und was sich so gut anfühlt, kann ja nur das Beste sein 🙂
    Liebe Grüße

    • Jette Antworten

      Liebe Shiwa,
      danke für den Kommentar und genießt noch die erste unvergleichliche Zeit miteinander. Und bei Babys ist es sicherlich keine Frage: Überschütte das kleine Wesen so viel Du nur kannst. Ich bin sicher, es wird davon noch lange, lange gut haben.
      Liebe Grüße
      Jette

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